Freitag, 29. März 2013

Drei kleine Feuerchen

Cessez le feu

Selysses ist in den vier Prosabüchern ständig vorhanden und tritt doch kaum in Erscheinung. Auch das Kind Selysses gewinnt in Ritorno in patria kaum mehr Kontur als irgendein anderer Bewohner der Ortschaft W. im Allgäu. Es bestimmt aber den Tonfall der Prosa durch die Fortführung der kindlichen Erwartung einer Welt, in der alles zum Besten geordnet ist, in der es zu jedem Teil ein Gegenteil gibt, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Aber das Timbre der kindlichen Hoffnung kann nur in einer reduzierten, armen Welt vernommen werden, in der die Bauten das Ausmaß einer Kindervilla oder eines Bahnwärterhäuschens nicht übertreffen, und in der von der prometheischen Gabe des Feuers nur der sparsamste Gebrauch gemacht wird. Am Abend nach der Abreise des grünen Heinrichs hatte die Mutter sogleich die Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaßen von nichts brannte. Ein Feuer, das von nichts brennt, ist so gut wie kein Feuer.
Bei der Rückkehr nach W. herrscht denn auch eine Feuerpause sogar in Hephästs Werkstatt. Aus der Schmiede roch es nach verbranntem Horn. Das Essenfeuer war ganz in sich zusammengesunken, und das Werkzeug, die schweren Hämmer, Zangen und Raspeln lagen und lehnten herrenlos überall herum. Nirgends rührte sich etwas. Das Wasser im Bottich, in den der Schmied sonst jeden Augenblick mit dem glühenden Eisen, daß es zischte, hineinfuhr, war so still und glänzte von dem schwachen Widerschein, der vom offenen Tor auf seine Oberfläche fiel, so tiefschwarzdunkel, als hätte noch nie jemand es angerührt und als sei ihm bestimmt, in solcher Unversehrtheit bewahrt zu bleiben. Die Türschelle im Ladengeschäft nebenan schepperte und gleich darauf standen wir in dem kleinen Uhrenladen des Uhrmachers Ebentheuer, in dem eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinandertickten, gerade so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören. Aber auch noch so viele Uhren können die Zeit nicht zerstören, sondern das Perpetuum Mobile der Zeit nur begleiten. Zeit kann nicht enden vor dem Ende der Tage, und auch das Feuer kann nicht erlöschen, die Feuerpause in der Schmiede ist ein Trugbild. Der Venezianer Malachio, Astrophysiker von Beruf, denkt nach über das Wunder des aus dem Kohlenstoff entstandenen, auf Verbrennung beruhenden Lebens, das im Incineritore Communale dann endgültig in Flammen aufgeht. Ein totenstilles Betongehäuse unter einer weißen Rauchfahne, brucia continuamente.
Das zweite kleine Feuerchen, das von außen betrachtet, dem der Mutter des Grünen Heinrichs auf den Span gleicht und doch ein ganz anderes Feuer ist, finden wir in Andromeda Lodge in Wales, wo es in der Wohnung des Onkels Evelyn brennt. Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte. Einfluß auf das große Brennen draußen, das durch die Stoffumwandlung in der Technik exponentiell anwächst, hat das nicht. Die Schlote rauchen zu Tausenden, einer neben dem anderen, bei Tag sowohl als in der Nacht, viereckige und runde Schlote und ungezählte Kamine, aus denen ein gelbgrauer Rauch dringt. Als die Schlote in Manchester dann kalt dastehen, beginnen an verschiedenen Stellen Feuerchen zu flackern, um die als unstete Schattenfiguren Kinder herumstehen und -springen. Das gnomenhafte Feuerchen des Onkels Evelyn hat mit dem Aufflammen und Erlöschen des Industriefeuers nichts zu tun, es geht auf einen, wenn man so will, edlen Geiz zurück, indem alles gesparte Geld der Kongomission zufließt zur Errettung der noch im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen. Nicht zu retten aber sind die schwarzen Seelen der in den Minen von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten, die ohne das Löschwasser der Taufe zum Sterben sich niedergelegt haben und wie nach einem Massaker in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht liegen. Ihr Schicksal ist vorgezeichnet in den in der Bibliothek der Mathild vorgefundenen Gebetsbüchern aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der sie erwartenden Pein, eine Pein, die, wie wir alle wissen und wie das beigegebene Bild noch einmal vor Augen führt, im wesentlichen auf dem Einsatz von Feuer beruht. Während über die Temperaturverhältnisse in der Hölle weitgehende Klarheit besteht, wissen wir von der Himmelswärme so gut wie nichts. Die Zeit, soviel ist sicher, hat sich hier in die Ewigkeit verloren, aber kommt es auch zu einer abschließenden Feuereinstellung? Der Astrophysiker Malachio hat in der letzten Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und ganz besonders über die Bedeutung des Satzes, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Können Auferstehung und ewiges Leben in einem verbrennungsfreien Raum stattfinden? Antworten hat Malachio nicht gefunden, aber es genügen ihm schon die Fragen. Gerald Fitzpatrick, der andere Astrophysiker, bleibt näher beim Berufsbild, wenn er sich für die unendlich heißen Kinderstuben der Sterne in der tiefen Eiseskälte des Alls begeistert.

Gerald ist es auch, der das dritte kleine Feuerchen entzündet. Es ist ein Feuerchen ganz anderer Art, es soll ein großer Brand werden und will gar nicht brennen. Austerlitz beobachtet seinen Schulkameraden Gerald an einem trostlosen Samstagnachmittag, wie er am Ende eines Korridors Feuer zu legen versuchte an einem Stapel Zeitungen, der dort aufgeschichtet war auf dem Steinboden neben dem offenen, in einen Hinterhof hinausführenden Tür. In dem grauen Gegenlicht sah er seine kleine, zusammengekauerte Gestalt und die Flämmchen, die an den Rändern der Zeitungen züngelten, ohne daß es recht brennen wollte. Als er ihn zur Rede stellt, sagt Gerald, am liebsten wäre ihm ein riesiges Feuer und an der Stelle des Schulgebäudes ein Haufen Trümmer und Asche.
Im Traum geht die Welt mehrfach in Flammen auf und wird unter Asche begraben. Austerlitz, der Geralds reales Feuerattentat noch unterbunden hatte, träumt nach seinem Besuch in Terezín, wie die Schemen der Kraftwerke, in denen die Braunkohle glüht, gleich Schiffen treiben in der Düsternis, kalkfarbene Quader, Kühltürme mit gezackten Kronen, hochaufragende Schlote, über denen weiß gegen den in krankhaften Farben gestriemten westlichen Himmel die reglosen Rauchfahnen standen. Nur an der nachtfahlen Seite des Firmaments zeigten sich ein paar Sterne, rußig blakende Lichter, die eines um das andere ausgingen und Schorfspuren zurückließen in den Bahnen, durch die sie immer gezogen sind. Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen er sich in diesem bösen Traum wünschte, das sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub. Am Ende der Schwindel.Gefühle, unterwegs im Zug von London nach Ostengland, blättert Selysses in der Everyman’s Library erschienenen Dünndruckausgabe des Tagebuchs von Samuel Pepys und erlebt dann im Traum noch einmal das große Feuer von London, ein blutig böses Lohen, vom Wind durch die ganze Stadt getrieben. Zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt. Ein rasender kurzer Fackelbrand. Ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Ist dies die letzte Stunde? Ein dumpfer, ungeheuerer Schlag, das Pulverhaus fliegt auf. Um uns der Widerschein, und vor dem tiefen Himmeldunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand bald eine Meile breit. Und andern Tags ein stiller Ascheregen – westwärts, bis über Windsor Park hinaus. - In beiden Fällen begraben am Ende Staub und erkaltete Asche das ausgebrannte Gelände, eine Feuereinstellung ist erreicht, aber um den Preis der völligen Vernichtung und des völligen Untergangs.

Das Feuer ist so allgemein und notwendig wie Zeit und Raum und in Sebalds Erzählwelt fast stärker noch präsent als diese, da es, anders als die Zeit durch tickende Uhren und der Raum durch die Reisebewegungen, nicht erst mit Hilfsmitteln aus der Verborgenheit transzendentaler Ästhetik hervorgeholt werden muß, sondern unmittelbar wahrnehmbarer Erzählgegenstand ist. Auch die vornehmlich außerhalb des Prosawerks sich geltend machende Obsession mit den Feuerstürmen des Luftkriegs ist im Zusammenhang des allgegenwärtigen Brands zu sehen. In seiner Allgegenwart und Vielgestaltigkeit, Grundlage des Lebens und Drohung seiner Vernichtung zugleich, im Incineritore Communale noch über den Tod hinaus, entzieht das Feuer sich jeder Bewertung. Ohnehin aber ist Erzählprosa kein Areal einer durch die beurteilende Vernunft einsichtig gemachten Welt.

Was aber die drei kleinen Feuerchen anbelangt, so läßt sich immerhin sagen, daß dem Dichter dasjenige im Haus des grünen Heinrichs das liebste ist, daß ihm auch Geralds Brandstiftung durchaus zusagt, während das vermeintlich seelenrettende Geizfeuerchen des Onkels Evelyn, ungeachtet seiner Brenngleicheit mit dem Schweizer Feuerchen, allenfalls auf der Grundlage kollateraler ökologischer Erwägungen Gnade finden kann.


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