Freitag, 1. Februar 2013

Prophet und Heiland

Gesprächspartner 

Proffwyd Iddewig yn y Beibl oedd Malachi


In Wien findet Selysses niemanden, mit dem er sprechen kann, selbst die Telephone bleiben stumm. Bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. Diese Situation ändert sich im weiteren Verlauf des Buches und der Reise nicht von Grund auf. Mit Empfangsdamen, Taxifahrern, Gendarmen, Bibliotheksangestellten werden belanglose Worte gewechselt. Die Bedienerin in der Bahnhofsgaststätte Innsbruck, der gegenüber er eine gar nicht unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee fallen läßt, hängt ihm auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Dort, wo er ein Gespräch beginnen möchte, wie mit der Franziskanerin und dem jungen Mädchen im Zug nach Mailand oder mit der Winterkönigin im Zug rheinabwärts, bleibt er dumm und stumm, selbst dann, wenn ihm, wie im Fall der Winterkönigin, die Last des Gesprächsbeginns eigentlich schon abgenommen wurde. Gesprächspartner in einem ausführlicherem Sinn sind der Dichter und Anstaltsinsasse Ernst Herbeck in Klosterneuburg, Lukas Seelos in der Ortschaft W. und Luciana Michelotti in Limone. Die Gespräche mit Luciana beanspruchen nur wenige Worte und sind von verschwiegener Bedeutsamkeit. Sie zeichnen sich im übrigen dadurch aus, daß Selysses’ Gesprächanteile zu überwiegen scheinen, während in anderen Gesprächen seine Beiträge weitgehend unterschlagen werden. Das gilt insbesondere für die Unterhaltungen mit Malachio in Venedig und mit Salvatore Altamura in Verona. Die dadurch verursachten Gesprächslücken erhöhen das erratische Moment im Fortgang der Schwindel.Gefühle noch einmal erheblich. Das Gefühl des Befremdlichen geht aber noch tiefer, so als sei man in eine womöglich nicht ungefährliche Unterströmung geraten.
Malachio trifft Selysses eines Abends in einer Bar an der Riva, und ehe man sich versieht, sind die beiden in einem Boot draußen auf dem Wasser. Ein erster Gesprächsabschnitt wird dem Leser vorenthalten, er erfährt stattdessen im Überblick, daß Malachio in Cambridge Astrophysik studiert hat - offenbar als ein Kommilitone Gerald Fitzpatricks, der zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht das Licht des Werkes erblickt hat - und daß er alles aus der größten Entfernung sieht, nicht nur die Sterne. Im Boot dreht sich das Gespräch dann um Wunder des aus dem Kohlenstoff entstandenen Lebens, das dann wieder in Flammen aufgeht. Beim Blick auf den Inceneritore Comunale, erhält Selysses auf seine Frage, ob hier auch mitten in der Nacht noch gefeuert werde, die Antwort: Sì, di continuo. Brucia continuamente. Malachio merkt an, er habe in letzter Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels, und ein weites Feld lag voller Totengebein, und des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld, sie waren sehr verdorrt. Antworten habe er nicht gefunden, aber es genügten ihm eigentlich auch schon die Fragen. Mancher mag sich die Gedankenwelt eines Astrophysikers anders vorgestellt haben. Malachio verabschiedet sich dann mit dem Gruß: Ci vediamo a Gerusalemme, und noch Stunden später fragt Selysses sich, was er damit gemeint haben könnte.
Das Zusammentreffen mit Salvatore Altamura in Verona ist offenbar verabredet, für den Leser aber ebenso unerwartet wie das mit Malachio. Der Nachname Altamura wird nur einmal genannt, anschließend ist es nur noch Salvatore, ein engerer Freund des reisenden Selysses, muß man folgern. Salvatore sitzt vor der Bar mit einer grünen Markise und liest, die Brille in die Stirn geschoben, in einem Buch, das er so nah vor sein Gesicht hielt, daß es unvorstellbar war, wie er auf diese Weise etwas zu entziffern vermochte. Seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen, er rette sich in die Prosa wie auf eine Insel. Wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so sei es, als rudere er weit auf das Wasser hinaus. Malachios Bootsfahrt ist gleichsam in die Metapher eingeschlossen. Das Gespräch mit Salvatore hat die Gestalt eines dreiteiligen Vortrags. Der erste Teil des Vortrags betrifft den Inhalt von Sciascias Buch 1912+1 und schließt an Selysses’ Studien zum Jahr 1913 an; im zweiten Teil geht es um die GRUPPE LUDWIG, offenbar der Anlaß des Treffens: aber es interessiert Sie ja eine ganz andere Geschichte; im dritten Teil geht es mit der Oper Aida zurück ins Jahr 1913 mit der Eröffnung der Festspiele in Verona. Di morte l’angelo a noi s’appressa, mit diesen Worten steht Salvatore auf und verabschiedet sich. Selysses aber ist noch lange sitzen geblieben auf der Piazza mit dem Bild des hereinbrechenden Engels, das Salvatore ihm hinterlassen hatte.
Soweit gekommen, fragt man sich, warum der in Venedig aus dem Nichts auftauchende, wenn nicht gar vom Himmel gefallene, und ebenso wieder verschwindende Astrophysiker Malachio, der den Namen eines biblischen Propheten (Malachi, Maleachi) mit der Bedeutung Bote Gottes trägt, sich, als gäbe es bei seinem Beruf nichts Näherliegendes, mit Engelsfragen beschäftigt, und warum in Verona der Heiland, il Salvatore, sich unter Hinterlassung eines Engelsbildes verabschiedet. Sebald hat mehrfach in einer bündigen, Zweifel nicht zulassenden Weise bekannt, daß ihm religiöse Gläubigkeit fremd ist, eine theologische Exegese seines Werkes verbietet sich insofern. Gleichwohl läßt sich nicht übersehen, daß er immer wieder und ganz besonders im Italienteil der Schwindel.Gefühle über die Trümmer- und Schädelstätten des Katholischen Erbes geht, vorbei an Skeletten, die in den großen Bildwerken der Vergangenheit ihr Leben bewahrt haben und jederzeit vor unseren Augen auferstehen können. Gleich bei der Einfahrt nach Italien, im Friaul, träumt Selysses von Tiepolos Gemälde Santa Tecla libera Este della peste, wo die himmlischen Heerscharen durch die Luft fahren und uns, wenn wir hinsehen wollen, einen Begriff geben von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht. Der weitere Verlauf der Bildererzählung gabelt sich dann. Pisanellos Bilder von San Giorgio vor und nach dem Drachenkampf führen in einer Schleife zurück zu Giorgio Santini, der Gegenwartserscheinung des Heiligen Georgs im Gewand des Artisten, und von dort zu dessen Namensmündel Selysses respektive Sebald. Die Engel am Himmel über Giottos Compianto sul Cristo morto andererseits, deren lautlose Klage seit nahezu siebenhundert Jahren über dem unendlichen Unglück erhoben wird, kehren wieder als die Engel der mehr als fraglichen Wiederauferstehung bei Malachio und als der Opernengel des Todes, dessen Bildnis Salvatore hinterläßt.
In seinem neuen Beruf als Astrophysiker steht Maleachi in der Nachfolge der theologisch verwalteten vorkopernikanischen Kosmologie, von der Abschied zu nehmen er offensichtlich nicht bereit ist, anders als sein Studienfreund Gerald, der Austerlitz einen inspirierten sternenkundlichen Vortag über die sinnfreien Tiefen des Alls hält. Malachios Fernblick findet den Weg in das von einem mythischen Licht erhellte Dunkel der vorkopernikanischen Geschichte. Es bedarf vertiefter Bibelkenntnisse, um Malachios Engel in der Heiligen Schrift zu entdecken. Der Laie dringt bis Hesekiel 37 vor und hat den Eindruck, der Herr führe den Propheten ohne Engelshilfe an den Rand des Beinfeldes. Es ist nicht auszuschließen, daß Sebald die Engel aus eigener Macht herbeizitiert hat, da er sie für die Entfaltung des Motivs in Giottos Bild von der Beweinung Christi benötigte; Arrondierungen dieser Art sind dem Dichter nicht fremd. Das Bild von der Beweinung stellt die Frage nach der Auferstehung, ohne sie zu beantworten, wie Malachio auch muß uns die bloße Frage reichen. Die Engel diverser froher Verkündigungen kommen nicht zu Wort und Bild, Giottos Fresko von der Auferstehung Christi steht nicht auf dem Besichtigungsplan, der Auferstehungsvorgang stagniert, und so hält die lautlose Klage der Engel unverändert und unbeeinträchtigt an bis zum heutigen Tag.
Der Heiland, il Salvatore, findet sich nicht zurecht in der Gegenwart, er flüchtet sich in die Schrift, die er nur mit größter Mühe zu entziffern vermag. In seinem dreiteiligen Vortrag berichtet von lauter Untaten und Sünden. Dem Angelion ist das Eu abhanden gekommen, und nichts, nebenbei bemerkt, läßt glauben, verselbständigt habe es sich in EU verwandelt. Nichts auch weist darauf hin, daß nach 1913 Rettung oder Erlösung noch möglich sei. Der Gang der Erzählung legt nahe, Salvatore habe den Engel während seines Vortrags gedankenverloren auf eine Serviette gezeichnet, tatsächlich ist es ein weiterer Engel Giottos*. Trägt Salvatore Giottos Engel als Votivbilder mit sich, erklärt er den italienischen Meister zum offiziellen Himmelsmaler des Herrn? Der Engel ist kopflos und scheint vom Wind getrieben, als handele es sich um Benjamins Engel in einer Seitenansicht.
In der frühen Phase des Buches hatten sich Passanten aufgrund optischer Ähnlichkeiten in halluzinatorischer Übersteigerungen in den Dichter Dante oder den König Ludwig verwandelt, hier haben durch Giottos Fresco aufgeweckte Namensähnlichkeiten den gleichen Effekt. Trotz ihrer transzendenten Unternähung, die den Gesprächen den Charakter einer Verkündigungen verleiht, sind Malachio und Salvatore Altamura daher nicht von der Liste der regulären Gesprächspartner zu streichen. Die Realitätssuggestion der Prosa hat keinen Riß, und auch wenn den Leser nie das Gefühl des nicht ganz Geheuren verläßt, kann er nach der Enttarnung des Propheten und des Heilands jederzeit zu dem Zustand zurückkehren, als der eine ein bloßer Venezianer und der andere ein schlichter Bewohner Veronas war, when Jesus was sweet Mary’s son and Cain was just a man. Freilich staunt man über die diffizile Schichtung der Erzählebenen, fast wie im Falle Johann Sebastian Bachs, der bei der Überwindung größter kompositorischer Schwierigkeiten jederzeit noch Kraft und Zeit für verzwickte Zahlenspiele im Notenbild hatte. Wird die Musik aufgeführt, hört man davon nichts – oder doch? Stellt man zusätzlich in Rechnung, daß Selysses sich künstlerisch im Bild des Artisten spiegelt, läßt sich kaum mehr sagen, was Spiel und was Ernst ist. Aber auch Giorgio Santini kehrt nach einer kurzen Weile der Identität mit San Giorgio und ungeachtet seiner erstaunlichen Leistungen auf dem Hochseil zurück in eine betont bürgerliche Existenz mit Frau, drei Töchtern und Nonna. Von den Rückverwandlungen wird nicht erzählt, aber auch von den Verwandlungen ist im strengen Sinne nicht erzählt worden.

*Auskunft Christian Wirths




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