Sonntag, 18. November 2012

Warenparadiese

Poèmes de l’étalage

Benjamin hinterläßt den Eindruck eines von Haus aus ungebundenen, sich ohne Not marxistisch disziplinierenden Denkers, der uns nun aus den längst erloschenen Vulkanen des Marxismus mit an sich vermeidbaren Brand- und Alterspuren entgegentritt. Beim Passagenwerk habe er, so heißt es, Horkheimers und Adornos Hinweis aufgegriffen, ohne Rückgriff auf Marx sei das nicht ernsthaft zu machen. Die Passagen sind dann gar nicht gemacht worden, und die gesammelten Bruchstücke lassen die schöne Gestalt des fertigen Werkes nicht einmal erahnen. Fertiggestellt, in deutscher sowohl als in französischer Sprache, ist das kurze Exposé Paris, Capitale du XIXème siècle und naturgemäß gefällt daran alles besser als die seither durch die Verwendung an Zweimillionen anderen Stellen zugrundegerichteten Marxpartikel. Adorno hat im übrigen dem gleichen Empfinden Ausdruck verliehen, wenn er in einem späteren Brief an Benjamin schreibt, er, Benjamin, habe sich Gewalt angetan, um dem Marxismus Tribute zu zollen, die die weder diesem noch ihm selbst recht anschlagen.
Im Flaneur begibt sich die Intelligenz auf den Markt, heißt es im Passagenwerk, und etwas ausführlicher in der Arbeit über Baudelaire: Als Flaneur begibt sich der Literat auf den Markt; wie er meint, um ihn anzusehen, und in Wahrheit doch schon, um einen Käufer zu finden. Oder, wie Walser es in seiner unverkennbaren Weise ausdrückt: Der scheinbar so bummelige und behagliche Spaziergang ist voll praktischer geschäftlicher Verrichtungen. Baudelaire hatte seinerseits die städtische Menschenmenge als den Lebensraum des Flaneurs identifiziert: Le flâneur entre dans la foule comme dans un immense réservoir d'électricité -, und wir hatten gesehen, daß Selysses als städtischer Flaneur an dieser Anforderung scheitert, da die Passanten sich ihm auf die eine oder andere Weise entziehen. Noch weniger trifft er den Markt an, das Poème de l’étalage, wie Benjamin es exemplarisch in den Pariser Passagen findet und darstellt, rezitiert er nicht.
Der Aufenthalt in Terezín ist der Höhepunkt des Sebaldschen Flanierens und als solcher, wie man sich denken kann, ein Tiefpunkt. Was die Menschen anbelangt, so trifft Austerlitz eine vornübergebeugte Gestalt, die sich an einem Stock unendlich langsam voranbewegt und dann plötzlich verschwunden ist, und einen Geistesgestörten, der wild fuchtelt, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Sein Poème de l’étalage findet er im Antikos Bazar. Was in den Auslagen zur Schau gestellt war, machte gewiß nicht mehr als einen geringen Teil des im Inneren des Bazars angehäuften Trödels aus. Aber selbst diese vier, offenbar vollkommen willkürlich zusammengesetzten Stilleben hatten für den Dichter – ihn und nicht Austerlitz sehen wir seltsamerweise im Spiegelbild der Fensterscheibe des Bazars - eine derartige Anziehungskraft, daß er sich von ihnen lange nicht fortreißen konnte. Fruchtlos zu fragen, ob das eine oder andere der Stücke vor Zeiten die Auslagen eines feinen Geschäftes in der Metropole gesehen haben mag, die Aufmerksamkeit des Dichters erregen nur die verlorenen, und an unerwarteten Orten wieder aufgefundenen Dinge.

In der Buchkritik ist Anstoß daran genommen worden, daß Selysses die Zeit in Terezín vor dem wichtigen Besuch des Ghettomuseums buchstäblich vertrödelt. Besser hätte er wohl bei dieser Gelegenheit die demokratischen Errungenschaften des modernen tschechischen Landes bedenken sollen, wie es ihm ja auch im Hinblick auf Belgien und die Belgier ausdrücklich angeraten worden ist. Aber selbst wenn sie auf den Holocaust zulaufen, kommen Sebalds Erzählstränge von weiter her. Terezín macht in jeder Hinsicht den Eindruck einer für die in ihr begangenen schweren Sünden mit alttestamentarischer Ungerechtigkeit gestraften Stadt. Der Handel ebenso wie das Wandeln sind zum Erliegen gekommen. Am Ende des Besuches in Terezín werden die letzten Bewohner des Ortes, darunter auch Selysses selbst, in einem Leichenwagen nach Prag gekarrt. Die verrenkten Leiber lehnten und hingen in den Sitzen, dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt.
Der Antikos Bazar ist geschlossen, ob er jemals geöffnet war oder sein wird, bleibt eine unbeantwortete Frage. Zeuge einer kaufmännischen Transaktion werden wir jedenfalls nicht. Generell ist in Sebalds Büchern das Marktgeschehen unauffällig. Selysses sehen wir ausschließlich Dinge kaufen, die für die Aufrechterhaltung der körperlichen und geistigen Tüchtigkeit unerläßlich sind, Lebensmittel also und Bücher. In Wien hält er schon bald seine Mahlzeiten nur noch an einem Stehimbiß oder verzehrt einfach etwas aus dem Papier. Restaurantbesuche wie in Verona oder Lowestoft verlaufen unerfreulich oder komisch-grotesk. Ob und gegebenenfalls wo er während des längeren Aufenthalts in seinem Heimatort W. etwas zu sich nimmt, bleibt im Verborgenen. Immerhin hatte er beim Abstieg auf dem Sebaldweg beim Hirschwirt in Unterjoch, um sich aufzuwärmen, eine Brotsuppe gegessen und einen halben Liter Tiroler getrunken.

In Venedig liest er in den Reisetagebüchern Grillparzers, die er noch in Wien gekauft hatte, eher beim Bouquinisten als in einem regulären Buchgeschäft, möchte man glauben. Von den Memoiren des Duc de Sully, die seither zu seinen liebsten Lektüren zählen, heißt es ausdrücklich, daß er sie für ein paar Schillinge bei einer Auktion erstanden hatte. Noch wohler ist ihm, wenn das Marktgeschehen ganz entfällt, wie beim von einem Großonkel mütterlicherseits ererbten Beredten Italiener, einem Hilfsbuch der italienischen Sprache, oder bei der ihm ebenfalls zugefallenen Bibliothek der Tante Mathild, die neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert, neben Reiseberichten aus den hohen Norden, neben Lehrbüchern der Geometrie und der Baustatik und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller zahlreiche religiöse Werke spekulativen Inhalts umfaßte sowie Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abschilderungen der uns alle erwartenden Pein.

Was die ebenfalls zu den unumgänglichen Notwendigkeiten zu zählende textile Ausstattung anbelangt, so wird das Wort an Michael Parkinson, einen wahren Stachanow der Konsumverweigerung, abgetreten. Er besitzt nicht mehr zwei Jacken, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ärmel durchgewetzt sind, greift er selber zu Nadel und Faden und näht einen Lederbesatz auf. Sogar die Kragen an seinen Hemden soll er gewendet haben.

Schwer zu sagen, ob Parkinson und Leute seines Schlages den Niedergang der Textilmetropole Manchester verursacht haben, oder ob sie nach dem Erlöschen Manchesters kein geeignetes Angebot für Neuanschaffungen mehr vorfinden. Die erste Bedingung des Aufkommens der Pariser Passagen und der Auslagenkultur war laut Benjamin die Hochkultur des Textilhandels, für den die Schlote der Spinnereien und Webereien rauchen mußten. Diese Schlote sind heute nahezu ausnahmslos niedergelegt, damals aber rauchten sie zu Tausenden, einer neben dem andern, bei Tag sowohl als in der Nacht. In den aufgelassenen Lagerhäusern, die die Vorräte für Etalagen stapelten, drehen sich noch die Ventilatoren. Vor der Silhouette des erstorbenen Textiljerusalems spinnt der Dichter von Hand seine Fäden, verwebt sie und vernäht die bunten Flicken der Motive.

Die zweite Bedingung des Entstehens der Passagen, so Benjamin, bilden die Anfänge des Eisenbaus. Er enthält den entscheidenden Anstoß, als sich herausstellt, daß die Lokomotive nur auf eisernen Schienen verwendbar ist. Die neuen Elemente des Eisenbaus, Trägerformen, beschäftigen wiederum den Jugendstil. Im Ornament bemüht er sich, diese Formen der Kunst zurückzugewinnen.

Sous le pont Mirabeau coule la Seine et nos amours: die Brücke, die Appoliniare lyrisch inspirierte, sieht Austerlitz als unförmige Betonmasse immer wieder in seinen Angstträumen. Tatsächlich sind wohl nur die Brückenfüße betoniert und die eigentliche Brückenkonstruktion ist eine um Rückgewinnung durch die Kunst bemühte Eisenkonstruktion, für manchen Betrachter nicht ohne Charme. Dabei spricht der Dichter dem Jugendstil weder Redlichkeit noch Erfolg ab, der letztere aber konnte nicht von Dauer sein, wie etwa am Prager Bahnhof zu sehen ist. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk war 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde er dann aber in der Folge zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton. Das kunstvolle Gitterwerk aus Glas und Eisen der Nordfassade der Pariser Gare d’Austerlitz wird gewürdigt, es berührt aber unangenehm, daß zwei winzige, wahrscheinlich mit Reparaturen beschäftigte Figuren sich ich der Konstruktion an Seilen bewegen gleich schwarze Spinnen in ihrem Netz.
Der Umstand, daß sich die meisten großen Bahnhöfe real längst in Warenparadiese mit begleitendem Gleisverkehr verwandelt haben, wird nicht honoriert. Das Geschehen um die Getränkeausgabe im Stehbuffet der Ferrovia Venedig hat den Charakter eines grotesken Mysterienspiels und in Prag ist es keineswegs das Paradies, sondern die Hölle in der neuzeitlichen Form der Spielhölle: Auf einer etwas erhöhten, gut zehn mal zwanzig Meter messenden Plattform standen in mehreren Batterien gewiß an die hundert in debilem Leerlauf vor sich hindudelnde Spielautomaten.

Im Bahnhof von Antwerpen sind in hierarchischer Anordnung die Gottheiten des 19. Jahrhunderts vorgeführt, zuoberst Handel und Kapital. Das heraldische Motiv des Bienenkorbs versinnbildlicht nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation. Aus dem Bienenkorb wird aber keine marxgestützte oder anderweitige Verlaufsgeschichte des Kapitals abgeleitet. Selysses läßt den Kapitalismus, wenn man so sagen darf, links liegen, so als habe er sein zerstörerisches Werk endgültig verrichtet und sei mit ihm verschwunden. Selysses lebt in einer postmodernen, postkapitalistischen, postapokalyptischen Welt. Die große Stadt Manchester ist so menschen- und warenleer wie das kleine Terezín. Brüssel, die europäische Hauptstadt, Europa schlechthin, wird am alles überragenden Bau des Justizpalastes erfaßt, und der erweist sich als menschenleer. Viele Stunden ist Selysses durch dieses steinerne Gebirge geirrt, durch Säulenwälder, an kolossalen Statuen vorbei, treppauf und treppab, ohne daß ihn je ein Mensch nach seinem Begehren gefragt hätte. Eine Umgestaltung des, wie es den Anschein hat, aufgelassenen Palastes der Rechtssprechung in ein Warenhaus hat nicht stattgefunden, wie im Antikos Bazar türmt sich das Gerümpel. Man gerät in dunkle Sackgassen, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinander gestapelt sind, als habe hinter ihnen jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen. Die Barrikade, ein weiteres Kapitel des geplanten Passagenwerkes, taucht für einen kurzen Moment auf vor unseren Augen.

In dem Brüsseler Monumentalbau breitet sich, wie zur Wiederbelebung einer untergegangenen Welt, das Kleingewerbe aus, immer wieder entstehen in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain eingerichtet worden sein von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, um die Anlage dann in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der weiteren Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das Hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umzuwandeln.

In seinem Heimatort ist der Dichter unter Kleingewerbetreibenden großgeworden, dem Bader Köpf, dem Uhrmacher Ebentheuer, dem Bäcker Mayr und vielen anderen. Das Großstadtkind Austerlitz hat mit dem Blick auf die Werkstatt des Schneiders Moravec und den Besuchen im Handschuhgeschäft der Tante Otýlie ganz ähnliche Erinnerungen. Der Dichter, selbst ein Einmannbetrieb, ist Mitglied der Gilde.

Wenn Benjamin schreibt, als Flaneur begibt sich der Literat auf den Markt, um einen Käufer zu finden, meint er naturgemäß nicht, der Literat wolle die Figur des Käufers beobachten, oder er selbst wolle eine Ware veräußern. Es geht um die Ablösung des Mäzenatentums durch den Markt. Sebald hatte den Vorteil eines gesicherten Einkommens, der ihm ein freies Dichtertum ermöglichte, erst der Erfolg zerrte ihn auf den Markt. Einige vermuten, daß sein angegriffenes Herz dem nicht gewachsen war, aussetzte und den tödlichen Unfall verursachte.

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