Sonntag, 22. April 2012

Verona

Grauenhafte Details

Bei der Frage, was denn das eigentliche Reiseziel des von Schwindelgefühlen heimgesuchten Selysses’ in Oberitalien gewesen ist, werden nicht wenige auf Limone am Gardasee verfallen. Unter der Obhut der Wirtin Luciana Michelotti verbringt Selysses hier eine ausgeglichene und ruhige Zeit. Die Antwort ist aber falsch, nicht so sehr, weil der Aufenthalt viel kürzer ist, als es beim Lesen zunächst scheint, sondern weil Limone gar nicht auf dem Reiseplan stand, wenn von einem solchen denn überhaupt gesprochen werden kann. Selysses hatte im Bus ein Ticket nach Riva gelöst und war in Limone nur ausgestiegen, um der unerträglichen Situation mit den Kafkazwillingen und ihren Eltern zu entkommen. Venedig scheidet aus anderen Gründen aus als Krönung der Reise, Selysses gerät hier ganz unter den Einfluß des griesgrämigen Grillparzer und findet an nichts Gefallen. Padua gilt nur ein kurzer Abstecher mit dem alleinigen Ziel, die Fresken des Malers Giotto in der Kapelle des Enrico Scrovegni zu betrachten, und nach Mailand wäre er wohl gar nicht gefahren, hätte er sich nicht im dort residierenden Deutschen Konsulat einen neuen Paß beschaffen müssen. Desenzano ist nur Umsteigestation, es bleibt Verona.

Alles spricht dafür, daß Selysses mit dieser Stadt seit längerem auf das beste vertraut ist. Wie selbstverständlich nimmt er ein Zimmer in der Goldenen Taube und geht dann sogleich, einer alten Gewohnheit gemäß, in den Giardino Giusti. Verona ist auch die einzige Stadt, die er bei beiden Reisen einigermaßen umfänglich besucht, beim zweiten Mal für mehere Monate. Der Leser kann sich der ständig auftretenden Schwindelgefühle nicht erwehren und hat Mühe, die beiden, durch eine Frist von sieben Jahren getrennten Aufenthalte in Verona auseinanderzuhalten. Beide Male steigt Selysses in der Goldenen Taube ab, wobei er sich beim zweiten Mal aus schwer erfindlichen Gründen als Jakob Philipp Fallmerayer, Verfasser der Geschichte des Kaiserthums Trapezunt, einträgt. Giottos Fresko, das den heiligen Georg in Begleitung der Prinzessin von Trapezunt zeigt, wurde schon beim ersten Mal besucht. Die alte Gewohnheit, in Verona zunächst den Giardino Giusti aufzusuchen, wird beim zweiten Besuch nicht aufrechterhalten, zumindest fehl eine Mitteilung darüber.
Sowohl die Arena di Verona als auch die Pizzeria Verona sucht Selysses zweimal auf, den Innenraum beider Bauwerke aber jeweils nur bei der ersten Reise. Die Arena war menschenleer bis auf eine Gruppe später Ausflügler, denen ein sicherlich nahezu achtzig Jahre alter, wenn nicht noch älterer Cicerone mit einer dünn und brüchig gewordenen Stimme die Einzigartigkeit des Bauwerks beschrieb. Erst nach Ablauf einer geraumen Zeit wurde Selysses der beiden Gestalten gewahr, die im Schatten der jenseitigen Hälfte der Arena auf den Steinen saßen. Es bestand kein Zweifel, es waren wieder dieselben beiden jungen Männer, die am Morgen früh in der Ferrovia von Venedig ihr Augenmerk auf ihn gerichtet hatten. In der Pizzeria dann führen das Gefühl des Verfolgtseins in Verbindung mit der mäßigen Qualität der gereichten Speise, ersten Nachrichten über die Gruppe Ludwig, einem Seestück an der Wand und dem Umstand, daß der Wirt auf den Namen Cadavero hört, zu Panikgefühlen und zur Flucht aus Verona.

Der zweite Aufenthalt bietet mehr Zeit für Gänge durch die Stadt, unter den Bäumen der Uferpromenade den Adige entlang bis zum Castelvecchio. Ein hellfarbiger Hund, der einen schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung zu laufen schien, in der er sich fortbewegte, hatte sich auf dem Domplatz ihm angeschlossen und war immer ein Stück voraus. Blieb er stehen, so hielt auch der Hund ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging er weiter, so machte auch der Hund sich wieder auf den Weg. Als er aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb der Hund an der Bordsteinkante zurück, und er wäre, weil er mitten auf dem Corso sich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden. Er nahm sich dann Zeit, betrat das eine oder andere Geschäft, trieb unter den Passanten dahin und fand sich schließlich gegenüber der Pizzeria Verona, die er an jenem Novemberabend vor sieben Jahren fluchtartig verlassen hatte. Die Eingangstür war jetzt mit einer Spanplatte vernagelt, und auch die Läden in den oberen Stockwerken des Hauses waren sämtlich verschlossen. Bei dem Versuch, sich ein Photo von dem Haus zu beschaffen, stößt Selysses, der selbst keine Kamera mit sich trägt, auf ungeahnte Schwierigkeiten.

Gezielt sucht Selysses in Verona die Biblioteca Civica auf, um dort tagsüber zu arbeiten. Er läßt sich die Folianten reichen, in welche die Veroneser Zeitungen aus den August- und Septemberwochen des Jahres 1913 gebunden waren, der Zeit also, in der Kafka Oberitalien bereist und auch Verona besucht hatte. Selysses’ Arbeitsstil fehlt es offenbar an Strenge, aber womöglich ist es die Arbeitsweise, der wir die Bücher seines Doppelgängers im wahren Leben zu verdanken haben. Reklamebildchen von Ärzten und Tafelwasserhersteller wachsen sich ihm zu kleinen Geschichten aus, und beim Lesen und Umblättern entdeckt er manches, von dem gelegentlich erzählt werden müßte, oft bereits in novellistische Worte gefaßte Geschichten, denen es grauenhaften Details nicht mangelte. 1913 war ein besonders Jahr. Die Zeit wendete sich, und wie eine Natter durchs Gras lief der Funken die Zündschnur entlang. Auch im Gespräch mit Salvatore an einem Tischchen vor der Bar mit der grünen Markise auf der Piazza Bra gegenüber der Arena geht es zunächst um das Jahr 1913, im Titel einer Erzählung Leonardo Sciascias als 12 & 1 nur leicht camoufliert. In der Arena wird Verdis Aida gegeben in einer Ausstattung, die der Eröffnung der Festspiele im Jahre 1913 exakt nachempfunden ist. Vielleicht hatte auch Kafka die an allen Ecken der Stadt noch zu sehenden Anschläge der settacoli lirici all’Arena noch bemerkt und die Großbuchstaben AIDA noch entziffert. Man könnte meinen, die Zeit sei nicht vergangen seither, obwohl die Geschichte jetzt ihrem Ende zugeht. Di morte l’angelo a noi s’apressa.
Aber es interessiere Selysses ja eine ganz andere Geschichte, fährt Salvatore fort, die der Gruppe Ludwig, die, wie seit längerem bekannt ist, nur aus zwei, inzwischen inhaftierten jungen Leuten, Abel und Furlan, bestanden hatte, die den Tod derjenigen, die Gott verraten hätten, zum Zweck ihres Daseins erklärt hatten. Die selbstgestellte Aufgabe hatten sie zahlreich und unter Umständen, denen es an grauenhaften Details nicht mangelte, in die Tat umgesetzt. Rückblickend ist wohl zu sagen, daß Selysses erste Nachrichten über das Wirken LUDWIGS wohl in Verbindung gebracht hatte mit dem Eindruck eigenen Verfolgtseins, und als dann auch noch aus einem Hinterhaus eine Bahre mit dem Schemen des Jägers Gracchus unter einem blumengemusterten Tuch herausgetragen wurde, war es ihm zuviel gewesen in der Pizzeria des Carlo Cadavero. Jetzt muß er sich sagen, daß die größte reale Gefahr für ihn wohl bestanden hatte, als er sich auf dem Corso Cavour mitten im Verkehr nach dem Hund umgeschaute. Er fühlt sich nun imstand, die ausgehenden Sommermonate, beschäftigt mit seinen verschiedenen Arbeiten, in Verona zu verbringen, die Oktoberwochen aber, weil er den Winter nicht erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel mit Blick auf den Großvenediger. Daß aber das Ende der Zeit nahe ist, dabei bleibt es.

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