Mittwoch, 7. November 2012

Passanten

Flâneur à vide

Durch die Erhebung zur literarischen Figur haben Baudelaire, Benjamin und andere den Flaneur gestärkt und zugleich gefährdet. Le flâneur entre dans la foule comme dans un immense réservoir d'électricité. Il s'agit, pour lui, de tirer l'éternel du transitoire. Wer das liest, möchte seinerseits der gemeinen städtischen Menge entkommen, und zum einsamen Flaneur werden, der die Menge philosophisch betrachtet. Was aber ist ein einsamer Flaneur noch wert, wenn an jeder Straßenecke ein von ihm selbst erweckter und nunmehr gleich gestimmter, philosophisch flanierender Konkurrent auf ihn wartet.
Diese Überlegung bereitet nicht auf den Flaneur bei Sebald vor, sondern auf seine auffällige Absenz. Dabei weist Selysses, Sebalds Bruder im Text, eine Reihe notwendiger Eigenschaften des Flaneurs auf. Er ist allein und für sich, er ist gebildet und hat offenbar hinreichend Zeit. Ungeachtet seiner ländlich-dörflichen Herkunft wird man ihm ein urbanes Wesen nicht absprechen wollen. Sein Liebe gilt neben Benjamin dem eigenwilligen Flaneur Robert Walser. Er ist ein Mann, auch das sei erwähnt, denn die Gestalt der Flaneuse ist kaum bekannt; neueren Berichten zufolge orientiert sie sich inzwischen weitgehend in Richtung der, wie schon bei Benjamin erkennbar, verwandten und ökonomisch ungleich sinnvolleren Tätigkeit des Schoppens. Selysses aber fehlt, seiner persönlichen Eignung zum Trotz, nahezu komplett das eigentliche Medium des Flaneurs, die Menschenmenge. Die Passanten bleiben aus, oder es sind nicht die richtigen oder aber er selbst ist nicht in der richtigen Position oder Stimmung. Fehlgeleitet war freilich die Sorge um ein Verschwinden der Passanten durch massenhaftes Überwechseln in das Lager der Flaneure. Eine Verphilosophierung der Welt hat nicht stattgefunden. So berechtigt unsere Ängste sind, so falsch liegen wir oft mit unseren Befürchtungen. Das Unheil zeigt sein Gesicht erst, wenn es zu spät ist für Flucht oder Gegenwehr.

In Mailand gibt es eine hinreichende Zahl von Passanten, Selysses aber hat den Mailänder Dom aufgesucht und ist hinauf bis in die oberste Galerie gestiegen. Weit unten sieht er über das Pflaster hastenden Gestalten, die sich vor einem Unwetter in Sicherheit bringen wollen. Das ist nicht die Welt des Flaneurs, der die Begegnung auf gleicher Ebene sucht und nicht, selbst auf der Galerie in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, auf zwergenhafte Figuren am Boden steil nur herabschauen will.

Auch in dem kleinen Ort Limone am Gardasee fehlt es nicht an Einhergehenden. Als Selysses gegen Mitternacht zum Hotel zurückgeht, ist auch das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Bei den Feriengästen handelt es sich nicht um in ihre üblichen Geschäfte eingebundene Passanten, über die nachzusinnen sich lohnt, sondern um Pseudoflaneure auf einem unbekannten, von Dante noch nicht erahnten  Höllenkreis.

In Verona flaniert Selysses nach den Regeln der Kunst unter den Bäumen der Uferpromenade den Adige entlang bis zum Castelvecchio. Seine Aufmerksamkeit ist aber ganz gefangen von einem hellfarbiger Hund, der einen schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung zu laufen schien, in der er sich fortbewegte, hatte sich auf dem Domplatz ihm angeschlossen und war immer ein Stück voraus. Blieb Selysses stehen, so hielt auch der Hund ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging er weiter, so machte auch der Hund sich wieder auf den Weg. Als er aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb der Hund an der Bordsteinkante zurück, und Selysses wäre, weil er mitten auf dem Corso sich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden. – Vom frei schweifenden Blick des Flaneurs kann nicht die Rede sein.

Venedig scheint ausschließlich von Einzelgängern bewohnt, die einander übel wollen. Wer hineingeht in das Innere der Stadt, weiß nie, was man als nächstes sieht oder von wem man im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um jemanden, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen. Umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und eisiger Schrecken wechseln einander ab, kein Gedanke an entspannt aufmerksames Flanieren.
Austerlitz trifft in Prag an einem nach seiner eigenen Einschätzung viel zu hellen Tag ein. Der Tag ist wie überbelichtet, und die Menschen sehen so krank und grau aus, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte Raucher. Kein Flaneur könnte hoffen, unter diesen Moribunden auf ein immense réservoir d'électricité zu stoßen, für Austerlitz, dem der Sinn ohnehin nicht nach Flanieren steht, eher eine Erleichterung.
Wien ist nach allgemeiner Überzeugung eine wie zum Flanieren geschaffene Stadt. Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für Selysses aber aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Wien ist für ihn leer, menschenleer, Selysses kommt mit niemandem ins Gespräch. Er hat es nur mit Schemen zu tun, Menschen, die mit Sicherheit nicht mehr am Leben sind, wie die Mathild Seelos, der einarmige Dorfschreiber Fürgut oder, in der Gonzagagasse der aus seiner Heimatstadt verbannte Dichter Dante. Bloß mit den Dohlen redet der Dichter einiges und mit einer weißköpfigen Amsel
In Terezín fehlen Bewohner und damit Passanten so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird. Am unheimlichsten aber waren die Türen und Tore von Terezín, die sämtlich den Zugang versperrten zu einem nie noch durchdrungenen Dunkel.
In Fall Terezíns mag man die Entvölkerung der besonderen Vergangenheit der Stadt zuschreiben, aber Manchester ist kaum dichter besiedelt. An einem späten Novembernachmittag stößt Selysses an einer Straßenkreuzung inmitten der Ödnis von Angel Fields auf einen kleinen Knaben, der in einem Wägelchen eine aus alten Sachen gemachte Gestalt bei sich hatte und der ihn, also wohl den einzigen Menschen, der damals in dieser Umgegend unterwegs gewesen ist, um einen Penny bat für seinen stummen Gesellen.

In Den Haag trifft Selysses in der Rezeptionsnische des Hotels auf zwei nicht mehr ganz junge, offenbar seit langem vermählte Herren, mit ihrem an Kindesstatt angenommenen aprikosenfarbenen Pudel, - eine dem Flaneur würdige Beobachtung. Er kann das Niveau allerdings nicht halten. Wahrscheinlich gehe er, so gibt er selbst zu bedenken, in fremden Städten oft auf den falschen Wegen. Vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale versammeln sich kleine Gruppen morgenländischer Männer, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten. Als dann aber ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute, dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, ergreift der Flaneur die Flucht und liegt, verstört von den Nachwirkungen des Erlebnisses, lange schlaflos auf dem Bett in seinem Hotelzimmer.
In Antwerpen sucht Selysses, kaum angekommen, die Tierwelt im Dunkel des Nocturamas auf, ein Besuch der prägend wird für das Erleben dieser Stadt. Auch Austerlitz flaniert in London vorwiegend nachts, wenn die potentiellen Passanten schlafen. Man kann ja tatsächlich zu Fuß in einer einzigen Nacht fast von einem Ende der riesigen Stadt ans andere gelangen, und wenn man einmal gewöhnt ist an das einsame Gehen und auf diesen Wegen nur einzelnen Nachtgespenstern begegnet, dann wundert man sich bald darüber, daß überall in den zahllosen Häusern die Bewohner jeden Alters anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste.

Paris, Capitale du XIXème siècle, ist das Eldorado der Flaneure. Austerlitz macht hier lange Spaziergänge in der Begleitung von Marie de Verneuil, ebenso in Marienbad. Nun findet der Flaneur unter den beobachteten Passanten, wie Botho Strauß hervorgehoben hat, durchaus Paare, er selbst aber kann nicht paarweise auftreten, da ihm in dieser Konstellation sein Charakteristikum, die entspannte und unbehinderte Aufmerksamkeit, verlorengeht.

Der Flaneur ist eine Erscheinung der Belle Epoque, deren Trümmer in Sebalds Werk zu besichtigen sind, so das Midland Hotel in Manchester, drei Kellergeschosse, sechs Stockwerke über der Erde, nicht weniger als sechshundert Zimmer. Derart enorm waren die Brausen, daß man unter ihnen wie in einem Monsunregen stand. Jetzt funktioniert die legendäre Dampfheizung bestenfalls noch stotternd, aus den Wasserhähnen rieselt der Kalk, die Fensterläden sind mit einer dichten, vom Regen marmorierten Staubschicht überzogen, ganze Teile des Hauses sind abgesperrt. Merkmal des klassischen Flaneurs war sein Hang zum Dandytum und zur ostentativen Langsamkeit, man führte Schildkröten bei seinem Spaziergang mit sich. Einen späten Abkömmling von vollendeter Dekadenz treffen wir in Deauville. Auf das geschmackloseste zusammengerichtet und auf das entsetzlichste geschminkt kam die Gräfin daher, mit einem hoppelnden Angorakaninchen an der Leine. Sie hatte ein giftgrün livrierten Clubman dabei, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich hinunterbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in der linken Armbeuge hielt.

Der Flaneur betritt, sozusagen als seine essayistische Variante, mehr oder weniger zeitgleich mit dem Soziologen die geschichtliche Bühne, beide suchen eine Beobachterperspektive auf die rätselhaft gewordene Gesellschaft der Menschen von außerhalb der Gesellschaft. Die Soziologie hat sich inzwischen längst als gesellschaftliche Aktivität innerhalb der Gesellschaft erkannt, dem Flaneur jedoch, dem ungebundenen Intellektuellen fällt es nach wie vor schwer, den Anspruch auf eine archimedischen Position aufzugeben. Ce fut le regard d'un flâneur, dont le genre de vie dissimula derrière un mirage bienfaisant la détresse des habtitants futurs de nos métropoles. Selysses ist auf der Höhe unserer Zeit, indem er als Stadtgänger scheitert am schieren Unmaß der Neuzeit. Austerlitz spricht im Einverständnis mit dem Autor anhand der von ihm einzig akzeptierten Architekturformen unter dem Normalmaß der domestischen Architektur - der Feldhütte, der Eremitage, dem Häuschen des Schrankenwärters, dem Aussichtspavillon, der Kindervilla im Garten – der Stadt praktisch das Existenzrecht ab. Nicht umsonst zieht durch die verschiedensten Städte unversehens und an den überraschensten Orten immer wieder die Karawane der Wüstenbewohner. Nicht fern ist Ciorans Urteil, die Menschheit hätte nie über den Stand der Hirtenvölker hinauswachsen dürfen.

Die Schwindel.Gefühle sind, neben vielem anderen, das Buch des scheiternden Flaneurs, die Ausgewanderten und Austerlitz wenden sich einzelnen Lebensschicksalen zu, der Blick auf die Stadt bleibt dabei der gleiche. In den Ringen des Saturn tritt an die Stelle des urbanen Flanierens die ländliche Wanderung. Daß dabei das Weltgeschehen nicht aus dem Blick gerät, muß man niemandem sagen.

Keine Kommentare: