Mittwoch, 12. Oktober 2016

Fleisch und Blut

Hoc est enim


corpus meum, hic est enim calix sanguinis mei: Als der Priester sich anschickte, die Kommunion auszuteilen, die für ihn immer der ungeheuerste Teil der Liturgie gewesen ist, hat er die kaum erst betretene korsische Kirche wieder verlassen. Was ist so ungeheuer an der Liturgie und besonders an der Kommunion und welche seiner vielen Bedeutungen hat das Ungeheure hier?

In den Augen Girards hat der Christus eine Art Schubumkehr in der Menschheitsgeschichte eingeleitet. Während bis dahin der immer neu aufkeimende mörderische Grimm in den Horden, Sippen und Stämmen nur durch die periodisch wiederkehrende Opferung eines der Schuld bezichtigten Unschuldigen gezügelt werden konnte, habe der Christus durch sein Sterben die Unschuld des Opfers offenbar gemacht, nachdem er schon zu Lebzeiten wichtige Hinweise gegeben hatte, wie der Zorn und Haß unter den Menschen auf andere Weise gezähmt werden könne. Diese Lesart besagt naturgemäß nicht, die alte Welt sei daraufhin verschwunden, das ist sie bis heute nicht. Im Abendmahlssakrament selbst ist leicht der rituelle Kannibalismus der Vorzeit erkennbar. Während sich der Dichter zur Ungeheuerlichkeit der Kommunion nicht näher äußert, wird er gelegentlich der Besprechung von Rembrandts Prosekturbildes umso deutlicher, was die Fortdauer der archaischen Einstellung zu Fleisch und Blut in der tendenziell gottlosen Moderne anbelangt: Zweifellos handelte es sich einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Die Ähnlichkeit mit der fortgesetzten Zerstückelung des Leibes Christi während der schon vieltausendfach schon erteilte Kommunion ist unübersehbar.

Welcher Art aber ist der Leib der bei der Kommunion immer wieder zerstückelt und verteilt wird. Bereits Dante hatte sich aufwendige Gedanken zu den Leibeigenschaften der Bewohner seiner drei Jenseitssphären gemacht. Zumal die Höllenbewohner wären mit ihrem natürlichen Leib, dem der ihre täuschend ähnlich sieht, den ihnen zugedachten Strapazen für keinen Augenblick gewachsen gewesen und gleich aufs neue verschieden. Auch für den wiedererstandenen Herrn sind die natürlichen Leibeigenschaften von Fleisch und Blut nicht länger anzunehmen, so daß der interkonfessionelle Streit über den Realismus der Wandlung im Grunde überflüssig ist, der neue Leib des Herrn tilgt den Unterschied zwischen dem alten Leib und der Hostie.

Der venezianische Astrophysiker Malachi hatte in letzter Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Es bleiben die Gebeine, die Leiber wären nach einiger Zeit verschwunden und mit ihnen die schwierige Frage nach dem Fleisch und dem Blut und der Wandlung, die noch schwierigere Frage der Wiederauferstehung wird dadurch aber nicht leichter. Antworten habe er, Malachi, denn auch nicht gefunden, aber es genügten ihm eigentlich schon die Fragen.

Keine Kommentare: