Donnerstag, 22. März 2012

Wanderlust

Talwärts und in der Niederung

In a cloud of dust
Me and the wanderlust 


Ieu sui Arnaut, que plor e vau cantan

Bei seiner Erforschung und Begleitung fremder Schicksale muß Selysses weite Reisen machen und ist dabei auf Verkehrsmittel wie Bus, Zug und gar Flugzeug angewiesen, in seinem Herzen aber pocht die German Wanderlust, die Eingang gar in das Liedgut Marc Knopflers gefunden hat, den Sebald wiederum bei einem musikunterlegten Gespräch, neben Glenn Gould und nicht ohne Überraschung für seine Leser, als Wunschinterpreten benannt hat - so eng ist die Welt oft gefaßt.

Wegen der notwendig weiträumigen, auf schnelle Fortbewegungsmittel angewiesenen Reisetätigkeit fallen die Ausgewanderten und Austerlitz für das Wandermotiv weitgehend aus. Auch die diversen Italienreisen in den Schwindel.Gefühlen lassen sich nicht zu Fuß bewerkstelligen, wohl aber der Abstieg von Oberjoch nach W., und die Ringe des Saturn mit ihren Wegen durch das englische Land lassen sich uneingeschränkt als Wanderbuch beschreiben.

In der Stadt Wien macht sich Selysses jeden Morgen früh auf und legt end- und ziellose Wege zurück, aber das Absolvieren langer Strecken zu Fuß ist nicht gleichbedeutend mit Wandern, das städtische Pflaster ist kein Wanderweg und auch der Ausflug mit Ernst Herbeck nach Klosternneuburg ist eben ein Ausflug und keine Wanderung. In den italienischen Städten Venedig, Verona, Desenzano und Mailand ist es nicht anders als in Wien, lange Gänge sind möglich, aber keine Wanderung. Für die Zugfahrt, soll sie denn echt und glaubwürdig sein, hatten wir einige unverzichtbare Eigenschaften markiert, die vorbeiziehende Landschaft, das Geräusch der Räder und, sofern sich die Fenster noch öffnen lassen, der Fahrtwind. Entsprechende Feststellungen sind auch für das Wandern zu treffen. Es muß sich um eine Strecke nennenswerten Ausmaßes handeln, die dann und wann auch eine Rast erfordert; die Strecke kann durch Ortschaften führen, darf aber nicht auf städtisches Pflaster beschränkt bleiben; es kann kein bloßer Rundgang am Abend sein; und speziell im Fall des Selysses: der Wanderer muß einsam sein, die Wandergruppe ist Selysses gänzlich fremd. Der Abstieg von Oberjoch nach W., auf dem inzwischen nach Selysses Doppelgänger im wahren Leben, Sebald also, benannten und damit gleichsam selbstreferentiell gewordenen Weg, erfüllt die genannten Bedingungen.
Selysses reist an aus dem Gebiet des Großvenedigers, hat den Zug benutzt und dann den Bus und dabei vorwiegend unerfreuliche Eindrücke gehabt zunächst, das wie immer grauenhafte Wetter in Innsbruck, die ausgeschämte Bedienerin in den Tiroler Stuben, die Tiroler Weiber im Bus. Dann aber hatte es aufgeklart und er hatte ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld gesehen, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie es schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem ihm nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist ihm der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß er nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das ihn manchmal so rührt. Er ist also in aufgeräumter Stimmung, als er sich, nachdem er im Zollamt das Gepäcks zurückgelassen hat, bloß mit dem kleinen ledernen Rucksack über der Schulter auf den Weg begibt durch die ans Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach. Der Tobel war erfüllt von einer Dunkelheit, wie er es mitten am Tag nicht für möglich gehalten hätte. Als dann der Wiesengrund von Krummenbach sich auftat, blieb er lange unter den letzten Bäumen stehen und schaute, aus dem Dunkel heraus, das wunderbare weißgraue Schneien an. Unweit des Waldrandes steht die Kapelle, die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal darin gewiß nicht ihres Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Die Kreuzwegstationen im Inneren der Kapelle waren von einer ungeschickten Hand um die Mitte des 18. Jahrhunderts gemalt worden und zur Hälfte bereits von Schimmel überlaufen und zerfressen. Als Kind hatte Selysses mit dem Großvater oft in derartigen Kapellen gesessen und er erinnert sich der Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit des Wunsches nach einer Wiederholung der in ihren Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Als das Schneien nachgelassen hatte, machte er sich wieder auf seine Weg den Krummenbach entlang bis nach Unterjoch, wo er im Hirschwirt eine Brotsuppe aß und einen halben Liter Tiroler trank. Dabei ist ihm, ausgelöst durch die armseligen Bilder in der Kapelle, Tiepolo in den Sinn gekommen, der im Herbst 1750 von Venedig über den Brenner gezogen ist, und vielleicht hat sich der Krummenbacher Maler in der Winterzeit desselbigen Jahres an seinen Bildchen nicht weniger gemüht als Tiepolo an seinen großen Deckengemälden. Es wird schon gegen drei Uhr gewesen sein, als er durch die Wiesen unterhalb des Sorgschrofen und der Sorgalpe gegangen ist, um kurz vor der Pfeifermühle auf die Straße zu gelangen, und das letzte Tageslicht war im Schwinden, als er ins Enge Plätt kam. Linker Hand war der Fluß, zur Rechten die triefenden Felswände. Das letzte Wegstück zog sich endlos hin. Im Engen Plätt erinnert eine Gedenktafel an fünf im April 1945 in einem sogenannten letzten Gefecht gefallene junge Soldaten. Als er aus dem Plätt herauskam, war es auch draußen nahezu Nacht geworden und drunten am Flußlauf erhob sich die schwarze Sägmühle, die im fünfziger Jahr in einem großen, das ganze Tal erleuchtenden Feuer niedergebrannt war. Auf der steinernen Brücke kurz vor den ersten Häusern von W. blieb er lange stehen und Rauschen der Ach. Auf einem Schuttanger neben der Brücke, auf dem Salweiden, Tollkirschen, Klettenstauden; Königskerzen, Eisenkraut und Beifuß wuchsen, war hier in den Sommermonaten der Nachkriegszeit immer ein Zigeunerlager gewesen. – Wer möchte es sich versagen, diesen Weg ebenfalls zu gehen, gut ausgeschildert wie er überdies ist inzwischen.
Eine Wanderung besteht aus zwei Komponenten, der Landschaft und dem Wanderer, oder, wenn daraus Prosa wird, aus des Wanderers Wahrnehmung der Landschaft und seinen abschweifenden Gedanken. Während in den Schwindel.Gefühlen die Gedanken recht eng bei der Wegstrecke bleiben und nur für Tiepolo sich ein wenig weiter entfernen, hat Selysses in den Ringen des Saturn meistens kaum einen Schritt gemacht, und schon ist er mit seinen Erwägungen Tausende von Meilen entfernt, in Afrika, Asien oder Amerika, im Kongo, in China oder in Brasilien. Sieht man von all dem ab, streicht es und verfolgt ausschließlich die im Südosten Englands zurückgelegte Wanderstrecke, so ergibt sich eine Erzählung folgenden Zuschnitts:

Wandern in Ostanglien
(von Christian Wirth im einzelnen dokumentiert und illustriert)  
Ich ging den leeren Perron entlang, auf der linken Seite die scheinbar unendliche Weite des Marschlands, auf der rechten, hinter einer niedrigen Ziegelmauer, das Gebüsch und die Bäume des Parks. Nirgends ein Mensch, den man nach dem Weg hätte fragen können. Eine gute Stunde brauchte ich von Somerleyton nach Lowestoft, zu Fuß die Landstraße entlang und vorbei an dem großen, wie eine befestigte Stadt in der Ebene liegenden Gefängnis von Blundeston, in dem meist um die zwölfhundert Inhaftierte ihre Strafe verbüßten. Als ich am nächsten Morgen mit dem Rucksack über der Schulter das Hotel verließ, war Lowestoft, unter einem wolkenlosen Himmel, wieder zum Leben erwacht. Vorbei an den Hafenbecken, in dem Dutzende von ausgedienten und arbeitslosen Kuttern vertäut lagen, ging es nach Süden zu durch die untertags ständig vom Autoverkehr verstopften und von blauen Benzindampf erfüllten Straßen der Stadt. Von dem Fußpfad, der über die Grasdünen und niedrigen Klippen führt, sieht man unterhalb den von flachen Kiesbänken durchzogenen Strand, auf dem zu jeder Stunde des Tages und der Nacht und zu jeder Zeit des Jahres allerlei zeltartige Unterstände aus Stangen und Strickwerk, Segeltuch und Ölzeug aufgeschlagen sind. Eine Viertelstunde südlich von Benacre Broad, wo der Strand sich verengt und ein Stück Steilküste beginnt, liegen wüst durcheinander ein paar Dutzend toter Bäume. Ausgebleicht vom Salzwasser, vom Wind und von der Sonne, sieht das zerbrochene, rindenlose Holz aus wie die Gebeine irgendeiner vor langer Zeit an diesem einsamen Ufer zugrundegegangenen, selbst die Mammuts und Saurier überragenden Art. Der Fußpfad führte um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe der Lehmklippe hinauf und dort in geringer Entfernung von dem stets von Einbrüchen bedrohten Rand des festen Landes zwischen Adlerfarnen hindurch, von denen die größten mir bis an die Schulter reichten. Draußen auf dem bleifarbenen Meer begleitete mich ein Segelboot. Nach und nach trat das Farnkraut auseinander und gab den Blick frei auf ein zur Kirche von Covehithe hin sich erstreckendes Feld. Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Wolkenbänke schoben sich weit hinaus über das jetzt von weißen Streifen durchzogene Meer. Von der Klippe hinab ging ich über den leicht sich absenkenden Weg auf den Strand, der sich hier ausweitet nach Süden. Vor mir in der Ferne duckte sich die Stadt Southwold, eine Anzahl winziger Häuser, Bauminseln, ein schneeweißer Leuchtturm, unter dem dunklen Himmel. Unweit der Küste zwischen Southwold und der Ortschaft Walberswick führt eine schmale eiserne Brücke über den Blyth, auf dem vor Zeiten einmal schwere Wollschiffe seewärts gegangen sind. Heute gibt es so gut wie keinen Verkehr mehr auf dem weitgehend versandeten Fluß. Gegen die Landseite zu ist nichts als graues Wasser, Marschland und Leere. Allerlei Gedanken hatte ich im Kopf, als ich von der Brücke über den Blyth ein Stück weit entlang der aufgelassenen Bahnstrecke ging und dann von dem höher gelegenen Gelände hinab in die Marschebene, die sich von Walberswick südwärts erstreckt bis nach Dunwich, einer nur mehr aus wenigen Häusern bestehenden Ortschaft. Zu meiner Rechten das wogende Schilffeld, zur Linken der graue Strand hielt ich auf Dunwich zu. Es war ungewöhnlich dunkel geworden und schwül, als ich am Mittag nach einer Rast am Strand zu der einsam gelegenen Heide von Dunwich hinaufstieg. Mein Weg von Dunwich aus führte dann zunächst an den Ruinen des Franziskanerklosters vorbei, an etlichen Feldern entlang durch ein offenbar erst in jüngster Zeit aufgeschossenes, verwahrlostes Gehölz, in dem Krüppelkiefern, Birken und Ginsterstauden so dicht durcheinanderwuchsen, daß ich nur mit viel Mühe vorankam. Dann tat sich vor mir die Heide auf, und wie betäubt von dem wahnsinnigen Blühen wanderte ich auf der hellen Sandbahn dahin, bis ich zu meinem Erstaunen, um nicht zu sagen zu meinem Entsetzen, mich wiederfand vor demselben verwilderten Wäldchen, aus dem ich vor einer Stunde hervorgetreten war. Der tief herabhängende bleierne Himmel, das krankhafte, das Auge trübende Violett der Heide, die in meinen Ohren wie das Meer in einer Muschel rauschende Lautlosigkeit, die Fliegen, die mich dauernd umschwärmten, beängstigend und grauenvoll kam mir das alles vor. Ich kann nicht sagen, wie lange ich in dieser Verfassung herumgeirrt bin, und auf welche Weise ich zuletzt einen Ausweg gefunden habe, nur soviel, daß ich zwei Stunden zirka nach meiner wunderbaren Befreiung aus dem Heidelabyrinthendlich die Ortschaft Middleton erreichte, und die Schatten wurden schon lang, als ich von Boulge Park nach Woodbridge hineinwanderte, wo ich im Bull Inn über Nacht blieb. Gut vier Stunden geht man von Orford ans Meer hinunter. Die Straßen und Wege führen durch eine leere, sandige Gegend, die am Ende eines langen, trockenen Sommers über weite Strecken fast einer Wüste gleicht. Von jeher ist dieses Land äußerst spärlich besiedelt, kaum bewirtschaftet und eigentlich nichts als eine von Himmelsrand zu Himmelsrand reichende Schafweide gewesen. Ich näherte mich dem östlichen Rand des Waldes von Rendelsham, da verdunkelte sich innerhalb weniger Minuten der gerade noch strahlend hell gewesene Himmel. Das restliche Tageslicht begann zu erlöschen, sämtliche Umrisse verschwanden in der graublauen, bald ohne Unterlaß von mächtigen Böen durchtobten, alles erstickenden Dämmerung. Sogar in nächster Nähe gab es bald nicht mehr die geringste Linie oder Gestalt. Das Staubmehl strömte von links gegen rechts, von rechts gegen links, von allen Seiten gegen alle Seiten, ein einziges Flirren und Flimmern, das wohl eine Stunde fortdauerte. Als der Sturm sich endlich legte, war es ringsum totenstill, kein Hauch rührte sich mehr, kein Vogellaut war zu hören, kein Rascheln, nicht. Den Rest des Weges ging ich in einem Zustand der Benommenheit. Als ich endlich anlangt war in Orford und dort die Nacht verbracht hatte, habe ich mich am nächsten Tag in einem blauen Dieselkutter nach Orfordness übersetzen lassen und bin dort eine teilweise schon überwachsene Asphaltbahn entlang durch ein farbloses, weithin sich ausdehnendes Feld gewandert. Es war ein trüber, beklemmender Tag und so windstill, daß nicht einmal die Ähren des haarfeinen Steppengrases sich regten. Mit jedem Schritt, den ich tat, wurde die Leere in mir und die Leere um mich herum größer und die Stille tiefer. Wahrscheinlich durchfuhr mich deshalb ein nahezu tödlicher Schreck, als unmittelbar vor meinen Füßen ein Hase, der sich verborgen gehalten hatte zwischen den Grasbüscheln am Wegrand, auf und davon schoß, zuerst die brüchige Fahrbahn entlang und dann, mit ein, zwei Haken, wieder hinein ins Feld. Lange bin ich dann auf der Brücke gestanden, die hinüberführt in das Terrain des ehemaligen Secret Weapons Research Establishments. Weit hinter mir im Westen zeichneten sich kaum wahrnehmbar die leichten Anhöhen bewohnten Landes ab, nach Norden und Süden glänzte das von einem mageren Rinnsal durchzogene Schlammbett des toten Flußarms, und voraus war nichts als Zerstörung. Wie einem nachgeborenen Fremden, der ohne jedes Wissen herumgeht zwischen den Bergen von Metall- und Maschinenschrott, die wir hinterlassen haben, war es auch mir ein Rätsel, was für Wesen hier einst gelebt und gearbeitet hatten. Am nachfolgenden Tag bin ich von Orford aus mit einem der roten Autobusse landeinwärts nach Yoxford gefahren und von dort aus zu Fuß in nordwestlicher Richtung auf einer ehemaligen Römerstraße in die sehr dünn besiedelte Gegend hineingegangen, die sich unterhalb des Landstädtchens Harleston ausdehnt. Beinahe vier Stunden bin ich unterwegs gewesen und habe nichts gesehen als die großenteils bereits abgeernteten, bis an den Horizont reichenden Kornfelder, den von tiefem Gewölk überzogenen Himmel und die in Abständen von jeweils ein, zwei Meilen voneinander entfernt liegenden, meist von kleinen Bauminseln umstandenen Höfe. Kaum ein Fahrzeug ist mir begegnet, während ich auf der scheinbar endlosen Geraden dahinging, und ich wußte nicht, ob ich das einsame Gehen als eine Wohltat empfand oder als eine Qual. Bisweilen an diesem in meiner Erinnerung manchmal bleischweren, manchmal gewichtslosen Tag riß die Wolkendecke ein wenig auf. Dann kamen die gefächerten Strahlen der Sonne auf die Erde hernieder und erleuchteten den einen oder anderen Flecken, gerade so wie es dereinst üblich war in religiösen Darstellungen, die das Walten einer uns übergeordneten Instanz symbolisierten. Es war mit einer gewissen Erleichterung, daß ich am nächsten Morgen das Hotel verließ und in südlicher Richtung aus der Stadt in die Felder hinausging. Die Gegend, die ich nun in einem weiten Bogen durchquerte, ist kaum dichter besiedelt als die, die ich am Vortag gewandert war. Etwa alle zwei Meilen kommt man durch einen selten mehr als ein Dutzend Häuser zählende Ortschaft, und diese Ortschaften sind ausnahmslos benannt nach dem Namenspatron der jeweiligen Pfarrkirche, heißen also St. Mary, St. Michael, St. Peter, St. James, St. Andrew, St. Lawrence, St. John und St. Cross, weshalb auch der ganze Landstrich von seinen Bewohnern bezeichnet wird als The Saints. Ich hatte noch eine Stunde zu gehen von Ilketshall St. Margaret bis nach Bungay hinein und eine zweite Stunde von Bungay über die Marschwiesen des Waveney-Tals bis auf die andere Seite von Ditchingham. Der Nachmittag begann bereits sich zu neigen, und ich beschloß deshalb, wieder zur Hauptstraße hinauf und ein kleines Stück Richtung Norwich weiterzugehen bis zur Mermaid in Hedenham, wo man gewiß bald die Bar aufsperren würde. Von dort aus konnte ich zu Hause anrufen, um mich abholen zu lassen.
Auch diese kleine Erzählung - um ein Vielfaches kleiner als die Ringe des Saturn - ist herrlich zu lesen, ein Rohdiamant freilich erst, der dann noch sorgfältig geschliffen und üppig gefaßt wird von den Ringen des Saturn. Aber lassen wir die Finger von der Goldschmiedekunst und kehren zurück zum bereits besser erforschten Metaphernbereich des Spinnens und Webens, denn in der Tat ist es ja das Wegenetz weit mehr noch als der wenig reißfeste Seidenfaden, das die Zuverlässigkeit der Textur verantwortet.

Denkt man sich die Schwindel.Gefühle umgestaltet nach dem Strukturprinzip der Ringe des Saturn, so müßte Selysses die Geschichte von Beyle oder dem merckwürdigen Faktum der Liebe noch im Bus von Innsbruck nach Oberjoch durch den Sinn gehen, in der Krummenbacher Kapelle nicht nur Tiepolo, sondern der gesamte Aufenthalt All’estero, Dr. K.s Badereise dann unterhalb des Sorgschrofen und der Sorgalpe, und Il ritorno in patria hätte dort und so bleiben können, wo und wie er ist. - Man muß befürchten, daß die enorme Traglast für die im Vergleich dann doch begrenzte Wanderstrecke zu groß gewesen wäre.

Aus dem nichtabgeschlossenen Korsikaprojekt wäre wohl, nach allem was abzusehen ist, ein weiteres Wanderbuch geworden, schon in den nachgelassenen Fragmenten werden wir durch herrliche Hochwälder geführt, aber auch durch zerstörte und geschändete Landschaften. Welche abschweifenden Geschichten uns erzählt worden wären, und wie sie sich dem Rhythmus der Schritte angepaßt hätten, wissen wir nicht. 

1 Kommentar:

Vanessa Müller hat gesagt…

Super Text!
LG aus dem Hotel Kastelruth!
www.valentinerhof.com