Montag, 26. März 2012

Buch der Fluchten

Kopfüber ins Wasser


Die Schwindel.Gefühle haben wir als Buch zur Erheiterung Kafkas gelesen; als Buch der Zahl Dreizehn; als Wanderbuch, als Buch unvergeßlicher Mitreisender; jetzt sind sie zu lesen als Buch der Fluchten. Das Buch der Alpen wird nicht lange auf sich warten lassen.

Das erste Mal überhaupt ist uns Selysses in Wien begegnet, der Stadt, die wir alle lieben. Selysses aber ist ihr Innenbereich zum Gefängnis geworden mit unsichtbaren aber gleichwohl unüberwindlichen Mauern. Jeden Morgen machte er sich auf und legte in der Leopoldstadt in der inneren Stadt und in der Josefstadt anscheinend end- und ziellose Wege zurück, von denen keiner, wie sich zu seinem Erstaunen bei einem späteren Blick auf den Plan zeigte, über einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich hinausführte, dessen äußerste Spitzen in der Venediger Au hinter dem Praterstern beziehungsweise bei den großen Spitälern des Alsergrunds lagen. Woraus die unsichtbaren Mauern bestehen, wird nicht deutlich. Es ist wohl ein Band von seinem Herzen, das nicht brechen will. Wie jeder Gefangene sinnt Selysses auf Flucht. Eines Nachts, am Bettrand sitzend, hatte ihn der inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks geradezu entsetzt. Kaum hatte ich innerlich wieder festen Boden unter den Füßen, faßte er den Entschluß, mit dem Abendzug nach Venedig zu fahren.
In Venedig denkt er die längste Zeit nach über Casanovas Einkerkerung auf dem Dachboden des Dogenpalastes – Ratten so groß wie Hasen liefen da herum – und seine anschließende Flucht, kein Thema, das geeignet wäre zu der eigenen Beruhigung. Ein heißes Bad, die Butterbrote und der Rotwein von gestern und die Zeitung, die er sich heraufbringen ließ, setzten Selysses so weit wieder instand, daß er seine Tasche packen und sich wieder auf die Flucht machen konnte. Im Stehbuffet der Ferrovia gelingt es ihm, die innere Bedrückung in eine äußere Bedrohung zu verwandeln. Mit einemal war ihm, als sei er im Kreis der ihre Morgenkollation einnehmenden Gespenster unversehens jemandem in den Blick gekommen, und tatsächlich fand er zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Diese Augenpaare werden ihn auf seinen weiteren Stationen verfolgen, nach seinem eigenen Urteil immer die selben, einen objektiven Beleg dafür gibt es nicht.

In Verona scheint zunächst alles gut zu gehen und Frieden einzukehren. Im Giardino Giusti beobachtete er eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Selbst das Auftreten derselben beiden Gestalten, die am Morgen früh in der Ferrovia von Venedig ihr Augenmerk auf ihn gerichtet hatten, vermag er zu verkraften. Vor einem Bild Pisanellos bewundert er, wie hier allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen ist. Beim Verzehr einer Pizza aber überkommt ihn wieder das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe und er muß sich mit den Händen an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Sein Herz setzt einen Schlag aus. Erlegt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck.

Sieben Jahr nach dieser Flucht hat Selysses die Fahrt von Wien über Venedig nach Verona noch einmal gemacht, um, wie er schreibt, die schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer zu überprüfen. Einen Aufenthalt in Wien gibt es diesmal nicht, mithin auch keine Flucht aus der Stadt. In Venedig kommt der Aufbruch wieder früher als geplant. Ein mit Bergen von Müll beladener Kahn kam vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser - capofitto nell'acqua - stürzte. Er weiß nicht, ob es dieser Anblick gewesen ist, der ihn den Entschluß fassen ließ, nicht in Venedig zu bleiben, sondern unverzüglich nach Padua weiterzufahren. – Der Leser weiß es nicht besser als Selysses, denkt aber sogleich an die riesenhaften Ratten, die Casanova in seinem venezianischen Kerker unerwünschte Gesellschaft leisteten, und ist bereit, die Ratte auf dem Lastkahn als Fluchtgrund anzuerkennen.
Padua verläßt Selysses, nachdem er die Fresken Giottos in der Kapelle Enrico Scrovegni besucht hat, schon bald darauf wieder, allerdings nicht überstürzt, nicht auf der Flucht, sondern sozusagen in geordneten Verhältnissen. Im Bus von Desenzano nach Riva peinigen ihn dann aber wieder zwei Augenpaare, diesmal die der Kafkazwillinge, und schließlich glaubt er, die Blicke aller Mitfahrenden seien auf ihn gerichtet, mit Ausnahme vielleicht der des Fahrers, der die Straße im Auge behalten muß, so daß er schließlich, als der Bus in Limone sul Garda hielt, seine Tasche aus dem Gepäcknetz heruntergeholt hat und ausgestiegen ist. Riva ist er entflohen, indem er es gar nicht erst erreicht.

In Limone verbringt er die glücklichsten Tage in der aktuellen Erzählzeit des Buches, und auch seine Flucht ist von ganz besonderer Art. Unter dem Vorwand eines verlorenen Passes brennt er mit der Wirtin Luciana Michelotti durch, läßt sich mit ihr auf dem Polizeiposten trauen, und als er und Luciana mit dem vom Brigadiere ausgefertigten Trauschein in der Hand wieder im Auto sitzen, da konnten sie nun miteinander hinfahren, wo sie wollten.

Nur wenig später ist Selysses gleichwohl wieder allein, unterwegs im Zug nach Mailand. Der Empfang in Mailand ist nichts weniger als freundlich. Noch vor dem Bahnhof kommen zwei junge Männer geradewegs auf ihn zu. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken. Erst in dem er auf dem Absatz sich die Tasche von der Schulter schwang und in die beiden hineinfahren ließ, gelang es ihm freizukommen. Eine sofortige Flucht aus der lombardischen Hauptstadt ist nicht möglich, da zunächst Ersatz für den verlorenen Paß beschafft werden muß. Selysses gerät aber in Zustände ganz ähnlich denen zu Beginn in Wien. Wo das Wort Mailand hätte auftauchen sollen, rührte sich nichts als ein schmerzhafter Reflex des Unvermögens, und er mußte sich einhalten, um von der Galerie des Doms herabschauen zu können auf die Piazza, wo sich die Menschen in seltsamer Neigung dahinbewegten. Laufet eilends vor dem Wind, ging es ihm durch den Kopf, und zugleich ging ihm der rettende Gedanke durch den Kopf, daß es sich bei den über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen. In den Abendstunden gelingt die Flucht und er ist wieder auf dem Weg nach Verona.
In Verona verbringt er einigermaßen unbehelligt die ausgehenden Sommermonate beschäftigt mit seinen verschiedenen Arbeiten, die Oktobermonate dann in einem Hotel oberhalb von Bruneck, bevor er, ohne Fluchtgedanken, den Entschluß faßt, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch eine gewisse Zeit nach W. zu fahren. In gewissem Sinn war es ihm eine Beruhigung, daß er, bei einem ersten Rundgang durch die in einem bleichen Licht daliegenden Straßen seines Geburtsortes, alles von Grund auf verändert fand. Das verschafft ihm die Gelegenheit zu einer neuen Form der Flucht, der Flucht aus dem aktuell vorgefundenen Ort, durch den er ohne sich groß aufzuhalten sozusagen hindurchgeht zurück in den Ort seiner Kindheit. Als der Erwachsene, der er ist, verwandelt er sich für den weiteren Aufenthalt in den eigenen Großvater, hat denselben Gang und bleibt beim Herauskommen aus einer Haustür gerade so wie er zunächst stehen, um nach dem Wetter zu schauen. Er erinnert sich an alle, an die Seelosfamilie, die Babett und die Bina und die Mathild, an den Buchdrucker Specht, an den untröstlichen Dr. Rambousek nicht weniger als an den Dr. Piazolo auf seiner siebenhundertfünfziger Zündapp und den Pfarrer Wurmser auf einem Gefährt gleicher Bauart, an den Jäger Schlag und die Romana, an das Lehrerfräulein Rauch und noch an viele andere. Als er schließlich wieder zurückfindet in die Wirklichkeit, in der Wirtsstube unter lauter Handlungsreisenden sitzend, hält ihn nichts mehr, er packt seine Sachen und sitzt tags darauf, nach einigem Umsteigen, bereits im Expreß nach Hoek van Holland. Auf der letzten Reiseetappe dann, von London in seine ostenglische Wahlheimat, fällt Selysses in den Schlaf und fährt durch bis ins Jahr 2013, dem erträumten Weltende, die endgültige Flucht.

Es hat wahrscheinlich irgendetwas mit alpenländischen Tonfolgen zu tun oder volksmusikhaften Tobfolgen und Halbtonschnitten, bei denen man das Gefühl hat, das ganze Welten aufgehen, von denen man vorher nichts gewußt hat. Und das ist in diesem langsamen Satz – und ich mag vor allem, meiner Grunddisposition entsprechend, die langsamen Sätze in der Musik -, deutlicher als fast allen seinen anderen Musikstücken. - Die langsamen Sätze, nicht nur in der Musik, möchte man hinzufügen, und nicht nur bei Schubert, sondern ebenso in der Literatur und, seiner Grunddisposition entsprechend, in der eigenen. Die nicht geringste Freude bei der Lektüre der Schwindel.Gefühle ist der ständige Kontrast zwischen einem gehetzten, in die Flucht geschlagenen Helden und dem ruhigen Fließen der Sätze, die nie bereit sind, wegen drängender Eile und Fluchtverlangen irgendein Gebot der Sorgfalt zu verletzten. Selbst wenn sie, wie bei der Flucht aus Verona, für Augenblicke eine staccatohafte Kürze annehmen, erreicht den Leser allenfalls der Eindruck eines maßvollen Portatos.

Selysses wollte, wie er zu Beginn der zweiten Reise notiert, die schemenhaften Erinnerungen an die damalige gefahrvolle Zeit genauer zu überprüfen und vielleicht einiges davon aufschreiben. Wollte man den Angaben im Text vertrauen, so wurden die Schwindel.Gefühle in Zeiten der Ruhe in Limone, Verona und oberhalb von Bruneck verfaßt, abgesehen naturgemäß vom letzten Teil, der erst Nach der Abfahrt aus Bruneck erlebt wurde. Mehr noch als der Bericht der Fluchten sind die Schwindel.Gefühle das künstlerische Medium rückblickender Kurierung der fluchtauslösenden Ängste. Zumal den geheilten Leser kann selbst der prognostizierte Weltuntergang nicht über die Maßen mehr schrecken.


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