Sonntag, 16. Juli 2017

Morituri

Almost a pauper

Als siebenjähriger Knabe ist Selwyn mit seinen Eltern und Geschwistern aus Litauen ausgewandert, als alter Mann erschießt er sich in England. Bereyter ist nicht dauerhaft aus Deutschland ausgewandert, er legt sich als alter Mann nahe seines deutschen Heimatortes vor den Zug. Adelwarth ist aus Deutschland nach Amerika ausgewandert und läßt sich als alter Mann in einem Sanatorium in Ithaca planmäßig zu Tode therapieren. Aurach ist aus Deutschland nach England ausgewandert, schon im fortgeschrittenen Alter, mit einem Lungenemphysem in das Whitington Hospital eingeliefert, gibt er zu verstehen, er empfinde seinen Zustand als schandbar und werde ihm möglichst bald entkommen auf die eine oder andere Weise.

Bereyters und Aurachs Lebensschicksal ist von der Naziherrschaft unmittelbar betroffen, das erlaubt, so die verbreitete Meinung, die Ausgewanderten, wie Austerlitz, der Holocaustliteratur zuzuschlagen. Die Ringe des Saturn, mögen sie auch ihren Schauplatz nach Asien, Afrika und anderswo verlegen, können unter anderem wegen der Heringssymbolik - Güterwagen bringen den ruhelosen Wanderer des Meeres an die Stätten, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird - ebenfalls zum dunklen Kapitel hinzugenommen werden, so daß allein die Schwindel.Gefühle dem restlichen Weltgeschehen vorbehalten wären. Aber geht es wirklich um Symbolik und nicht doch um den Hering, ist doch allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel und den Fischen im Wasser, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen.

In den zwanziger und dreißiger Jahren, so Selwyn, hätten seine Frau und er im großen Stil gelebt und dabei ihr Vermögen praktisch verbraucht. Seine Frau habe den nicht ganz unbeträchtlichen Rest ihres Vermögens gut bewirtschaftet und könne inzwischen wieder als reich gelten, er hingegen sei almost a pauper. Er wisse immer noch nicht, was sie auseinandergebracht hätte, das Geld oder einfach das Wenigerwerden der Liebe. In den Pflanzen und den Tieren habe er inzwischen fast seine einzige Ansprache. Eigentlich aber scheint er damit recht zufrieden zu sein, ein benennbarer eindeutiger Grund oder Anlaß für den Suizid ist nicht auszumachen. Auch bei Bereyter und Adelwarth sind keine klaren Gründe zu erkennen, eher eine graue allgemeine Lebenserschöpfung. Der Tod hat immer das letzte Wort, allem und jedem ist über eine bestimmte Frist hinaus die Daseinsberechtigung abgesprochen, ist da der Suizid überhaupt als erklärungsbedürftige Aberration anzusehen? Dem Erzähler ist es jedenfalls, als ihm die Nachricht vom Tod Selwyns übermittelt wurde, nicht schwergefallen, sein anfängliches Entsetzen zu überwinden. Bei Aurach ist eine heroische Ethik erkennbar, die doch eigentlich - wohl dem Land, das keine Helden braucht - als überwunden gilt. Austerlitz kann im übrigen nicht zu den Morituri gezählt werden, nicht mehr jedenfalls als wir alle, die wir noch leben. Am Ende des Buches macht er sich auf die Suche nach dem Vater, seiner eigenen Vergangenheit, aber auch auf die Suche nach Marie de Verneuil, seiner Gegenwart und Zukunft.

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