Freitag, 29. Dezember 2017

Horizont

Savannenprägung

Sloterdijk, der sich selbst, und niemand würde ihm widersprechen, als behauptungsfroh einschätzt, legt Wert auf die Feststellung, die Wandlung vom Affen zum Menschen habe sich in der Savanne vollzogen. Aufgrund seines nunmehr dezidiert aufrechten Gangs hatte der neuentstandene Hominide fortan einen hervorragenden Rundumblick bis zum Horizont. Nur vier Objekte können sich in seinem übersichtlichen Gesichtsfeld bewegen, er selbst, die Genossen, der Feind oder die Beute. Auch ein Sonderproblem findet seine Lösung: Schwindel ist eine neurologische Monstrosität, die eintritt, wenn sich der Horizont selbst in Fahrt versetzt. Nähern wir uns mit diesem Ansatz den beklemmenden Schwindelgefühlen des Dichters. Sie treten erstmalig auf in der Stadt Wien. Eine Stadt definiert sich durch den Umstand, daß der Horizont verstellt ist. Tagelang wandert der Dichter ziellos durch Wien, um bei einem späteren Blick auf den Plan zu seinem Erstaunen festzustellen, daß er über einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich nie hinausgekommen war. Offensichtlich handelt es sich bei dem lunar geformten Umriß seines Wanderbezirks um Reste des eingestürzten und versunkenen Horizonts, der mithin eine in besonderem Maße schwindelerregende Abwärtsbewegung vollzogen hatte. Während der anschließenden Bahnfahrt durch das Friaul reißt der Dichter das Abteilfenster herab, im Morgengrauen rasen draußen verschobenes Erdreich, Felsbrocken, in sich zusammengesunkenes Bauwerk, Schutt- und Schotterhalden vorbei, eine seitenverkehrte Variante der klassischen, von Sloterdijk als Beleg seiner Theorie angeführten Situation: man sitzt im Zug und wartet auf die Abfahrt, nun rollt der Zug an, wird schneller und schneller und dann ... verschwindet wider alles Erwarten der letzte Wagen des Zuges vom Gleis gegenüber aus dem Bahnhof, der eigene, was man auf Grund der fest in den Genen verankerten Savannenprägung nicht wahr haben wollte, steht noch still. Wen kann es wundernehmen, wenn nach dem Erlebnis im Friauler Land auch der anschließende Italienaufenthalt unter dem Unstern der Schwindelgefühle steht. Bei der zweiten Italienreise, sieben Jahre später, fehlen die horizontinduzierten Ursachen und mithin die Schwindelgefühle weitgehend. Wie Sloterdijk an anderer Stelle beipflichtend zitiert: Die Grundlage ist immer noch das Fundament der Basis und wird es auch bleiben.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Grabeskirche

Beklemmung

Mis convicciones son las mismas que las de la anciana que reza en el rincón de una iglesia: Wir denken an die durch ein Wunder für den Augenblick so gut wie leere Grabeskirche mit dem Gewirr der ineinandergebauten Quer- und Seitenschiffen, Kapellen, Schreine und Altäre. Kein Gottesdienst wird gefeiert, keine Messe gelesen, Worte sind nicht zu hören, auch kein Gesang, es ist still um die alte Frau. Sie sitzt allein in ihrer Ecke, die Anwesenheit der wenigen anderen Gläubigen spürt sie nur. Es ist dunkel, nur einige Kerzen scheinen. Warum fiel die Wahl auf eine alte Frau? Bei den Frauen mag die Glaubensbereitschaft anhaltender, zäher und weniger begründungsbedürftig sein. Die alte Frau mag den Rosenkranz beten oder ein persönliches Bittgebet sprechen oder auch nur in andächtiger Gestimmtheit dasitzen. Ihre Überzeugungen bleiben für uns stumm. Die Krummenbacher Kapelle, in deren Inneren der Dichter die dort herrschende vollkommene Stille erlebt, war so klein war, daß nicht mehr als ein Dutzend auf einmal darin ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten, sofern bei einem Dutzend dichtgedrängter Menschen von Andacht die Rede sein kann. Einer Kapelle fehlt die erhebende Großzügigkeit des umbauten Raums der Kirche mit ihren geheimnisvollen Verwinkelungen. Allein in der Kapelle sitzend, mochte der Dichter in eine wenn auch säkular getönte andächtige Gemütslage geraten, es fehlt das stille Einvernehmen mit anderen verstreut Dasitzenden. Ambros Adelwarth und Cosmo Solomon ihrerseits stehen unter dem Portal der Grabeskirche, als sich ihnen ein verwachsenes Männlein mit einer mordsmäßigen Nase als Führer anbietet. In den Fängen eines Führers ist ein wohltätiges Erleben der Kirche naturgemäß nicht möglich, ganz im Gegenteil, auch später noch, schon wieder außerhalb der Grabeskirche, anhaltende Beklemmung und Elendigkeit.

Samstag, 23. Dezember 2017

In Vino Deus

Beunruhigende Nähe

Le vin a plus fait pour rapprocher les hommes de Dieu que la théologie. Wie gewohnt begründet der Philosoph seine Feststellung nicht, noch untermauert er sie mit Beispielen. Auch im Prosawerk des Dichters wird man nicht recht fündig. In der Krummenbacher Kapelle ist der Erzähler gegenüber den mit ungelenker Hand gemalten Kreuzwegstationen ungewöhnlich nachsichtig, an der Kapelle betört ihn die in ihrem Inneren herrschende vollkommene Stille. Wenn diese Stimmung ein Zeichen der Nähe Gottes sein sollte, ist allerdings einzuräumen, daß der Wanderer erst nach dem Besuch der Kapelle beim Hirschwirt einen halben Liter Tiroler trinkt. Aber wer sagt, daß nicht bereits die Aussicht auf einen Becher Wein die Annäherung an das Göttliche bewirken kann. Der Wein ist das edelste Gewand des Alkohols, wohingegen dem Sekt, dem Champagner, der gern die Krone hätte, etwas unabschüttelbar Frivoles anhaftet. Aber wer wiederum sagt, daß der Alkohol nicht auch im volkstümlichen Bier seine gottgefällige Wirkung entfalten kann? Ein Dutzend Sandler hatten sich im Innsbrucker Bahnhof versammelt und eine Sandlerin. Sie bildeten eine bewegte Gruppe um einen Kasten Gösser-Bier, der wundersamerweise, gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, auf einmal in ihrer Mitte stand. Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. Tief ins Theologische hinein, möchte man ergänzen und zugleich einem möglichen Mißverständnis vorbeugen: Wem verschlägt es nicht die Rede, wenn er die beunruhigende Nähe Gottes spürt, wer gerät in dieser prekären Lage nicht außer sich und ins Taumeln. Die Mystiker sind unsere Zeugen.

Freitag, 22. Dezember 2017

Red Hunting Hat

Ein wenig irre

In den endlosen Schulstunden vor allem und in der Abenddämmerung hatte er sich seine amerikanische Zukunft in allen Einzelheiten und Farben ausgemalt. Diese Phase der imaginären Amerikanisierung seiner Person, während der er streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, erreichte ihren Höhepunkt zwischen seinem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als er die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden in und an sich auszubilden versuchte, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, zum Scheitern verurteilt war. Ein Jugendphoto zeigt den Dichter in einem Fell- oder Plüschmantel, auf dem Kopf eine Strickmütze, der die verschiedensten Schutz- und Outdoorfunktionen zuzutrauen sind, die aber nicht als Red Hunting Hat einzuordnen ist. Gleichwohl wäre Holden Caulfield für ein Simulationsprojekt wohl geeigneter gewesen als etwa der Lieutenant Henry, zumal Holden, auch erst sechzehn, Hemingway und den Lieutenant bereits entlarvt hatte: My brother got me to read this book A Farewell to Arms. He said it was so terrific. That’s what I can’t understand. It has this guy in it named Lieutenant Henry that was supposed to be a nice guy and all. I don’t see how my brother could hate the Army and war and all so much and still like a phony like that. I mean, for instance, I don’t see how he could like a phony book like that and still like that other one he’s so crazy about, The Great Gatsby.

Phony ist, ähnlich wie bei Freud die Libido oder bei Girard die mimetische Rivalität, Holdens große Weltkategorie, in der er gut neunzig Prozent der sichtbaren und unsichtbaren Dinge verschwinden läßt, Phoebe, Holdens kleine Schwester, tippt vorübergehend gar auf hundert Prozent. Er widerlegt sie aber mit dem Wunschbild des Fängers im Roggen, der seine Zeit damit verbringt, Kinder, die in großer Schar in einem Roggenfeld spielen, vor dem Sturz über die Klippe zu bewahren: eine Position im Leben, die durch ihren schönen Aberwitz begeistert. Das Gegenteil von phony ist denn auch nicht einfach wahrhaftig oder echt, sondern wahrhaftig & somewhat crazy. Jane Gallagher etwa ist wahrhaftig & somewhat crazy, wenn sie die durch Bauernumwandlung gewonnenen Schachfiguren aus Respekt vor deren Würde an der Linie beläßt und auf den spieltechnischen vorteilhaften Einsatz verzichtet. Den Red Hunting Hat hat Holden ohne Hintergedanken aus einer Laune heraus erstanden. Er trägt ihn nicht ostentativ, und doch ist die Kappe Aus- und Nachweis seiner Craziness. Wahrhaftig und ein wenig irre kann eine Devise für das Leben oder auch für die Kunst sein. Stendhal kauft sich, als er nach Volterra fährt, einen neuen gelben Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, einen extrahohen Velourshut und ein paar grüne Brillen: um einiges farbenfreudiger noch als die rote Kappe, es steht außer Frage, Stendhal ist somewhat crazy. Bei Kafka gibt es ohnehin kein Zögern, beide haben die Prüfung bestanden, sie können passieren. Und der Dichter selbst? Trägt er sich in der Goldenen Taube zu Verona nicht ein als Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker von Landeck?

Sonntag, 17. Dezember 2017

Heilige Dialoge

Rekonstruktion

Thérèse d’Avila, à cinquante-deux ans, célèbre et admirée, rencontre à Medina del Campo saint Jean de la Croix alors âgé de vingt-cinq ans, iconnu et passioné. Qui pourrait écrire le dialogue des saints? Un Shakespeare frappé d’innocence ou un Dostoïevski exilé dans quelque Sibérie céleste?

Bevor wir uns der aufgeworfenen Frage zuwenden, um uns dann gegebenenfalls für den Dramatiker oder den Romancier zu entscheiden, sind einige Präliminarien zu klären, etwa: Sind Heilige schon heilig vor der Heiligsprechung? Das ist mit einem klaren Ja zu beantworten, die Heiligkeit wird von der katholischen Prozedur nur ultimativ bestätigt und nicht etwa erschaffen. Schwieriger ist schon die Frage, ob die Heiligen, deren Heiligkeit zu ihren Lebzeiten noch nicht amtlich erwiesen ist, um ihre Heiligkeit wissen. Wenn Demut eine unverzichtbare Ingredienz der Heiligkeit ist, können sie sich ihrer Sache zumindest nicht sicher sein. Schätzen sich die Heiligen gegenseitig oder herrscht, mit den Worten Girards, zwischen ihnen mimetische Rivalität? Das ist zu befürchten. Wechseln sie, wenn sie einander treffen, heilige Worte oder vermeiden sie sie, eifersüchtig wachend über die unverwechselbare Schattierung ihrer jeweiligen Heiligkeit? Verfügbare Gesprächsaufzeichnungen wären zu überprüfen, ohne dabei die Möglichkeit einer nachträglichen Schönung aus den Augen zu verlieren. Reift der Heiligkeit im Lebensverlauf, war die zweiundfünfzigjährige Teresa von Avila sich ihrer vollentwickelten Heiligkeit bewußt, der fünfundzwanzigjährige Johannes vom Kreuz dagegen noch von Zweifeln bedrängt? Das göttliche Erlöserkind verfügte schon bei seiner Geburt über eine vollentwickelte und unbestrittene Heiligkeit, kann aber nicht als Referenzpunkt dienen, die göttlichen Attribute machen es zum unbestrittenen Metaheiligen. Die Jünger hatten in ihrer Mehrzahl zu Lebzeiten des Herrn wenig Heiliges an sich und sind erst nach dem Erlebnis des Kreuzestodes über sich selbst hinausgewachsen; Judas Ischariot blieb die heilige Karriere versperrt.

Viele Unschärfen bleiben, die empirische Basis verläßlich aufgezeichneter Heiligendialoge ist schwach, Grund und Anlaß, die Dichter zur Klärung aufzurufen. Der heilige Franz lag in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Kopf nach unten im Wasser und über die Sümpfe schritt die heilige Katharina, ein kleines Modell des Rades, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand. Träumerisch ist eine mögliche Dialogszene angebahnt und zugleich wieder verworfen. Franziskus schaut, wenn er überhaupt noch schaut, starr nach unten und ist offenbar nicht redefähig, Katharina schaut starr nach vorn und ist ebenso offenkundig zum Austausch heiliger Ansichten nicht bereit. Das Gespräch zwischen Teresa und Johannes wurde nicht aufgezeichnet und müßte mit dichterischen Mitteln rekonstruiert werden, Cioran begründet nicht, warum er Shakespeare oder aber Dostojewski mit der Aufgabe betrauen will. Intuitiv würde man Dostojewski den Vorzug geben ungeachtet seiner erwiesenermaßen geringen Zuständigkeit für katholische Heilige.

Freitag, 15. Dezember 2017

Christliche Seefahrt

Treibende Kraft

Die christliche Seefahrt war, wie Sloterdijk betont, neben dem Buchdruck etwa oder dem Einsturz des ptolemäischen Weltgebäudes, ein hervorstechender Klang beim Einläuten von Neuzeit und Globalisierung. 1492 war ein entscheidendes Jahr, Kolumbus entdeckte Amerika und Behaim entwarf den ersten Globus. Man konnte dieses Artefakt betrachten und sehen, wie unsere Wohngegend rundum beschaffen ist. Behaim soll Kolumbus bei der Wahl seiner Route beraten haben. Die transozeanische Personenschiffahrt ist, abgesehen vom Gondeln der Kreuzfahrer, inzwischen abgeflaut, der interkontinentale Warenhandel aber wird in der Gegenwart ganz überwiegend per Schiff abgewickelt. Seit 1492 trennen sich immer stärker diejenigen, die den globalen Neuerungen zujubeln, und die, die unter ihnen leiden. An den Wänden des Wartesaals für die auswanderungswilligen Passagiere hingen große Ölbilder der zur Flotte des Lloyd gehörenden Ozeandampfer. Ein jeder dieser Dampfer befand sich in voller Fahrt von links hinten nach rechts vorn, ragte ungeheuer weit mit dem Bug aus dem wogenden Meer empor und vermittelte so den Eindruck einer unaufhaltsam alles vorantreibenden Kraft. Naturgemäß ist vor allen anderen den Profiteuren der Entwicklung nach Jubel zumute, die zahlenden Passagiere sind nicht im gleichen Maße begeistert. Es war eine Überfahrt mitten durch die Februarstürme hindurch, und es ist zum Fürchten gewesen, wie die Wellen sich aus der Tiefe hinaushoben und wieder zurückgerollt kamen. Ringsherum nur schwarzes Wasser, tagaus und tagein, und das Schiff, wie es schien, die ganze Zeit auf demselben Fleck, eine vernichtende Empfindung für Reisende aus dem tiefsten Landesinneren, denen es als Kind bereits grauste, wenn sie beim Eisstockschießen auf dem Froschweiher zuschauten und auf einmal an das Dunkel denken mußten unter ihren Füßen. Weniger eine Fahrt über das Meer als ein Blick in den Abgrund, ja, wenn man wandeln könnte mit sicherem Tritt über die Wellen, diesen Kunstgriff aber hat der Herr - wie man annehmen kann: wohlweislich - für sich reserviert. Aller Seefahrt zum Trotz, der Mensch ist nicht gemacht für das Wasser und die endlose Weite der Ozeane. Die Reisenden waren denn auch größtenteils seekrank, erschöpft, mit glasigem Blick oder halbgeschlossenen Augen lagen sie in ihren Kojen. Andere hockten am Boden, standen stundenlang an eine Wand gelehnt oder wankten wie Schlafwandler in den Gängen herum. 

Nach einem jahrzehntelangen Leben in Amerika fährt der Emigrant mit dem Auto die knapp zwanzig Meilen bis an den Atlantik hinunter so langsam, wie man auf einer freien Strecke noch nie jemanden hat fahren sehen, die vorantreibende Kraft so gering wie möglich. Am Ziel angekommen, schaute er aufs Meer hinaus. Das ist der Rand der Finsternis, und wirklich schien es, als sei das Festland versunken und als ragte nichts mehr aus der Wasserwüste heraus außer diesem schmalen Streifen Sand. Das Trauma des überquerten Ozeans währt offenbar lebenslang.

Samstag, 9. Dezember 2017

Heiliger Müßiggang

Handel und Wandel

Être plus paresseux qu’un saint … Ohne Begründung oder Beweise stellt der Denker den Stand der Heiligen unter den Generalverdacht der Faulheit, es ist an uns, die Angelegenheit im Rahmen eines sogenannten Faktenchecks zu überprüfen. Der heilige Georg, Schutzpatron des Werkes und Hauptmann einer verwegenen Reitertruppe, darunter ein kalmückischer Bogenschütze mit einem schmerzhaften Ausdruck der Intensität im Gesicht, steht im Begriff, gegen den Drachen auszuziehen, und nimmt Abschied von der Principessa. Nur ihm ist es zu verdanken, wenn nach der Erledigung des Lindwurms Handel und Wandel wieder Fuß fassen konnten in der Region. Auch der Artist Giorgio Santini, die Inkarnation des San Giorgio in unserer Gegenwart, ist vom Vorwurf der Faulheit freizusprechen, zwar gehen ihm die verwegensten Hochseilakte scheinbar mühelos von der Hand, jeder aber kann die harten Trainingseinheiten im Hintergrund erahnen. Dem heilige Franz, der in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Kopf nach unten im Wasser liegt, in seiner mißlichen Lage obendrein Faulheit zu unterstellen, wäre zynisch und heiligenverachtend, gleiches gilt für die heilige Katharina, die, ein kleines Modell des Rades, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand und über die Sümpfe schreitet. Ohnehin fällt es ungleich schwerer, weibliche Wesen und Heilige der Faulheit zu bezichtigen. Le Strange, der den heiligen Franz, umflattert von allerlei Federgetier, und den heiligen Hieronymus in der Grube gleichermaßen verkörpert, geht keiner geregelten Tätigkeit nach, alles in uns aber sträubt sich, in ihm einen Faulpelz zu sehen. Die Ashburys, von denen es heißt, sie würden immer unschuldiger - man könnte auch sagen, immer heiliger, schließlich hatte Mrs. Ashbury schon die Himmelfahrt versucht, war allerdings im Plafond steckengeblieben – gehen ausschließlich unnützen Verrichtungen nach, die sie aber, ohne sich irgend zu schonen, mit Leidenschaft und Hingabe betreiben.

Sind wir aber überhaupt auf der richtigen Spur, was berechtigt uns, Faulheit aus Ciorans Feder als einen Vorwurf zu lesen, ist ihm doch alles begrüßenswert, was sich dem Fortschritt, der nichts anderes ist als der Ausdruck unserer Verdammnis, in den Weg stellt. Faulheit ist für den Meister aus Siebenbürgen ein Synonym für die Heiligkeit der Heiligen, die Angelegenheit ist völlig neu zu bewerten. Ausgangspunkt könnte die folgende Bemerkung sein: Rien n'est plus pénible que l'infini pour un travailleur, pour un paresseux c'est la seule consolation.

Freitag, 8. Dezember 2017

Comment sont faits les anges

Farbige Flecken


Comment se refléterait la vie dans une âme non tacheé pas la connaissance? La réponse serait aiseé, si l’on savait comment l’éphemère se laisserait vivre en tant que l’éternité, comment sont faits les anges.

Ihm gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Das Mädchen war in Brescia zugestiegen, die Franziskanerschwester hatte in Desenzano bereits im Zug gesessen. Die Schwester las ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Es ist anzunehmen, daß die Franziskanerin die Tür zu zeitgemäßer Erkenntnis und zeitgemäßem Wissen bewußt verschlossen, das junge Mädchen mit dem Bilderroman sie bislang noch gar nicht geöffnet hat. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir, abwesend und anwesend zugleich, und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Eingebaut ist eine Zeitmaschine ähnlich der des Chronos in Evisa, der nur immer unverwandt nach oben blickte und dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiterdrehte, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. Auffällig ist die Gleichmäßigkeit und vor allem die Synchronizität des Blätterns, sollte die Franziskanerin nicht meditative Pausen einlegen, während das junge Mädchen zügig die Bildergeschichte vorantreibt? Die Gleichmäßigkeit des Blätterns ist zweifellos ein Hinweis auf die Übernatürlichkeit der Situation, die Frage nach der Beschaffenheit der Engel muß nicht gestellt werden, wir haben sie vor uns in den beiden Wesen von vollendete Schönheit, nach der Gewohnheit der Himmlischen abwesend und anwesend zugleich. Der Zug wechselte die Gleise. Das Mädchen mit der bunten Jacke gab ein Lesezeichen in ihren Roman, und auch die Franziskanerin legte ein grünes Band in ihr Brevier. Beide saßen sie nun zurückgelehnt inmitten de leuchtenden Abendscheins, ennrückt gleichsam, die eine, wie ich mir vorstellte, gestutzt unter ihrer weißen Haube, die andere umgeben von ihrem wunderbar lockigen Haar. Das Blättern ist eingestellt, die Zeit zur Ruhe gekommen. Als er auf den Bahnsteig trat, waren das Mädchen mit der vielfarbigen Jacke und die Franziskanerin längst verschwunden. Das Ephemere hat sich verloren in der Zeit und ist bewahrt in der Kunst, die uns als ewig gilt.

Dienstag, 5. Dezember 2017

Wenn

Logik

Wenn es zutrifft, daß die Kunst sich dem Zufälligen und Unbedeutenden zuwendet, das Winzige, nahezu Unsichtbare meistert, während die bedeutsamen, großen Themen keinerlei Talent erfordern; wenn auch talentierte Dichter große, im Weg stehende Themen nicht vermeiden können; wenn die Behandlung dieser Themen dann naturgemäß bedeutungsloser ist als die Behandlung des Unbedeutenden; wenn Sebald ein mit sehr großem Talent gesegneter Dichter ist und der Holocaust das non plus ultra der Bedeutsamkeit, dann …


Samstag, 2. Dezember 2017

Lärm

Fortschritt 

Cioran notiert im Vorbeigehen: Le bruit est la conséquence directe du péché originel. Die Erbsünde war das Verlassen der Ewigkeit, la chute dans le temps, der Sturz in Geschichte und Fortschritt. Der fortschreitende Mensch devient de plus en plus bavard, tapageur, tonitruant, il exulte dans le vacarme. Im stillen Haine gehe ich oft zu lauschen, wenn alles schweigt - im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert war das Lärmen, obwohl die Richtung längst vorgegeben war, noch nicht so ohrenfällig, jetzt sind vielerorts stille Haine nur schwer noch zu finden, schwerer noch allumfassendes Schweigen. Wo immer wir auch in einem Hotelzimmer erwachen, in Wien, in Frankfurt oder in Brüssel, horchen wir, die Hände unterm Kopf verschränkt, nicht auf die Stille, sondern mit wachem Entsetzen auf die Brandung des Verkehrs, die zuvor schon stundenlang über uns hinweggegangen war. Das also ist, denkt man, der neue Ozean. Unaufhörlich, in großen Schüben, über die gesamte Breite der Städte kommen die Wellen daher, werden lauter und lauter, richten sich weiter und weiter auf, überschlagen sich in einer Art von Phrenesie auf der Höhe des Lärmpegels und laufen als Brecher aus über den Asphalt und die Steine. Le progrès est l‘équivalent moderne de la Chute, la version profane de la damnation, die Maschinen haben begriffen, daß man nicht mehr schlafen darf. Aus dem Getöse entsteht das Leben, das nach uns kommt und das uns langsam zugrunde richten wird. In Venedig ist es noch ein anderes Aufwachen, still bricht nämlich der Tag an, durchdrungen nur von einzelnen Rufen, vom Hinauflassen eines blechernen Rolladens, vom Flüsterschlag der Tauben, kostbare Töne, Töne, wie auch die Stadt selbst, dem Untergang geweiht. Wir müssen uns eingestehen, daß wir selbst bereits die sind, die nach uns kommen.

Hinter der Stirn

Einakter

Wenn uns im Prosawerk so wenig dumme Menschen begegnen, so nicht, weil der Dichter überzeugt wäre von einem dank zahlreicher Bildungsinitiativen fortwährend gestiegenen und inzwischen auf hohem Pegel verfestigten Stand der allgemeinen Intelligenz, sondern weil der den Dummen nach Möglichkeit aus dem Weg geht. Nicht immer aber ist er erfolgreich, der Mann ihm gegenüber im Zugabteil wälzte in einem fort seine unförmige Zunge, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund herum. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Man hätte nicht zu sagen gewußt, ob die Körper- und Geistesdeformation des Mitreisenden ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen. Sollte dieser Schädel jemals eine Idee gebären, so würde sie im Schrecken ihrer Einsamkeit sogleich Selbstmord begehen, und der Eigentümer des Schädels würde kein Bewußtsein haben von dem kurzen Lebens- und Sterbensdrama hinter der eigenen Stirn.

Freitag, 1. Dezember 2017

Inkarnation

Jesu Größe

Der Herr aber befahl den bösen Geistern hineinzufahren in die Sauherde, und die Säue, von denen der Evangelist sagt, daß es an die zweitausend gewesen sind, stürzten sich von dem Abhang herab und ersoffenen in der Flut. Handelt es sich bei dieser grauenvollen Geschichte um den Bericht eines glaubwürdigen Zeugen, und wenn ja, bedeutet das nicht, daß unserem Herrn bei der Heilung des Gadareners ein böser Kunstfehler unterlaufen ist, lassen wir unseren kranken Menschenverstand nicht immer wieder aus an einer anderen, von uns für niedriger gehaltenen und für nichts als zerstörenswert gehaltenen Art? Gott*, wenn er es recht bedächte, sollte sich zu allerletzt in einen Menschen verwandeln, ein wenig mehr Misanthropie hätte Jesu Größe nur gutgetan. Die alten Götter haben sich in jedwedes Lebewesen verwandelt, und wenn sie die Menschen bevorzugten, dann aufgrund ihrer kongenialen Perversität.

*Si j'étais Dieu, je me ferais n’importe quoi, sauf homme. Comme Jésus serait grand, s’il était un peu plus misanthrope.

Sonntag, 19. November 2017

Schwindel.Gefühle

Aus dem Lot

Schwindel.Gefühle, warum diese seltsame Schreibweise des Titels? Das Kompositum Schwindelgefühle hebt die Doppelbedeutung von Schwindel - Sturzgefahr oder aber Betrug - zugunsten der Sturzgefahr auf, der Punkt zwischen den beiden Komponenten macht diese Klärung wieder rückgängig. Bei einer Übersetzung des Buches in Sprachen, die weder eine Vokabel mit ähnlicher Doppelbedeutung noch die Leichtigkeit des Deutschen bei der Wortzusammensetzung kennen, wird die Ambivalenz dann ihrerseits wieder rückgängig gemacht, Vertigo, Vertiges, Vertigini, also Schwindelgefühle, Übersetzungserwägungen in Richtung swindle, tromperie sind nicht bekannt. Auch der Leser des deutschen Originaltextes hält sich in erster Linie an die punktlosen Schwindelgefühle.

Schwindelgefühle im engeren, pathologischen Sinne treten aber gar nicht auf, selbst als der Erzähler die schwindelerregende oberste Galerie des Mailänder Doms erklettert, erleidet er zwar eine gewisse Bewußtseinstrübung – es scheint ihm unglaubwürdig, daß es sich bei den kleinen Gestalten, die tiefunten über die Piazza eilen, um lauter Mailänder und Mailänderinnen handelt – von einem Schwindelanfall aber bleibt er verschont. Um sie zu verstehen, muß den Schwindelgefühlen ein weiteres Bedeutungsfeld eingeräumt werden. Cioran erläutert: Les vertiges, c’est à dire le sentiment de ne plus pouvoir rester à la verticale, viennent de de l’épuisement du phènomène humain avec l’abandon de toutes ses charactéristiques. Folgen wir dieser Erklärung für einen Augenblick, ohne sie weiter zu überprüfen, so läßt sich schließen, daß bereits das Unwohlsein, das bei einem vorübergehenden Teilverlust der menschlichen Charakteristiken auftritt, wenn der Betreffende, wie man sagt, aus dem Lot ist, - daß bereits dieses Unwohlsein mithin als eine Vorstufe oder mindere Stufe eines Schwindelgefühls gelten könnte. Daß Kafka, wie er uns in den Schwindel.Gefühlen begegnet, in den üblichen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern des Menschen nicht allzu fest verankert ist, bedarf keiner längeren Begründung, es reicht der Hinweis auf den schwindlig daniederliegenden Jäger Gracchus, dessen Barke in Riva auch schon Stendhal verunsichert hatte. Auch das Erlebnis des Erzählers hoch oben auf dem Dom könnte dann doch als Schwindelgefühl minderen Grades verstanden werden. Weitaus deutlicher aber sind die Schwindelwahrnehmungen gleich zu Beginn der Italienreise des Erzählers, noch in Wien, wo er sich, während einer, wie es heißt, für ihn besonders unguten Zeit als Angehöriger des bürgerlichen Milieus rapide in einen Clochard, einen Voyou verwandelt. Deutliche Spuren der Verwahrlosung sind nicht zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich.

Weitere Schwindelgefühle dieser Art unterhalb der akuten Sturzgefahr ließen sich aufzählen, was aber ist mit dem Schwindel als swindle, als Betrug? Man muß sich keine tiefschürfenden Gedanken machen, ohnehin beschwindeln uns die Dichter gewohnheitsmäßig und forcieren so unsere Schwindelgefühle, es ist ihr Beruf.

Mittwoch, 15. November 2017

Schneefall

Frage der Menge

Un flocon égaré dans l’air donne une image de vanité plus déchirante et plus symbolique qu’un cadavre, und so ist zu hoffen, mehr und immer mehr Flocken möchten herabschweben und in den dunklen Abgründen der rückwärtigen Höfe verschwinden, und zum Winteranfang dann, in den Bergen, solle alles zuschneien, das Dorf und das Tal bis zu den obersten Höhen hinauf, und wiederum später noch, im Frühjahr, wenn es auftaut, kämen wir dann hervor aus dem Eis wie neugeboren.

Dienstag, 14. November 2017

Lachen der Engel

Gemütsaufruhr

L’être ideal? Un ange dévasté par l’humour: eine eigenwillige Idealvorstellung, unschwer zu erraten, wer sie formuliert hat. Wie soll man sich den vom Humor, vom Lachen verwüsteten Engel vorstellen, wie hat Cioran ihn sich vorgestellt. Ist der Engel selbst humorig gestimmt, oder verwüstet ihn das Lachen der anderen? Einem leibhaftigen vom Humor malträtierten Engel zu begegnen, kann man in der aufgeklärten Zeit nicht erwarten. In der traditionellen christlichen Malerei sind die Engel so gut wie immer akkurat, meistens kostbar gekleidet, die Gesichtszüge spiegeln eine mittlere Gemütslage, einen heiterer Ernst, weder das Gewand noch das Mienenspiel weisen Spuren der Verwüstung auf. Angesichts des ausgeglichenen Seelenhaushalts der Engel, ist es auffällig, wenn sich auf Giottos Bild der Beweinung Cherubine entdecken lassen, die, seit nahezu siebenhundert Jahren über unserem unendlichen Unglück schwebend, die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen haben, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde aber sind das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können. Giottos Engel, Wesen exquisiter Schönheit mit von einem mitleidenden Schmerz verzerrten Gesichtern, Wesen, über die ein leichtes Lächeln des Dichters gleitet, läßt sich so auf unerwartete und versöhnliche Weise die Idealvorstellung einlösen? Die Ingredienzen ähneln sich, die Rezeptur aber ist eine andere.

Montag, 13. November 2017

Chronos

Ruck für Ruck

Cioran notiert: Deux choses m’ont toujours rempli d’une hystérie métaphysique: un montre qui ne foctionne pas et une montre qui marche. Austerlitz befreit sich aus dem Dilemma, indem er die Uhr ganz aus seinem Leben verbannt, nie habe er eine Uhr besessen, weder einen Regulator noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr und, wie mit Blick Cioran, eine Armbanduhr schon gar nicht. Die praktischen Nachteile und möglichen Unpäßlichkeiten einer defekten oder fehlenden Uhr im Alltag sind den beiden Zeitskeptikern nicht der Rede wert. Die Zeit gilt Austerlitz als menschliche Erfindung, und zwar als die künstlichste von allen. Er bezweifelt sowohl die Meßmethoden als auch die Metaphern, wenn Newton gemeint hat, die Zeit sei ein Strom, wo ist dann der Ursprung der Zeit und in welches Meer mündet sie endlich ein. Wenn alle unsere Vorstellungen von der Zeit falsch sind, dann erscheint auch der Zufall in einem anderen Licht und hinter statistischen Unwahrscheinlichkeiten läßt sich oft eine erstaunliche, geradezu zwingende innere Logik erkennen. Ashman, einige Seiten weiter im Buch, geht weniger argumentativ vor. Als er zum ersten Mal nach zehn Jahren sein altes Kinderzimmer wieder betrat, sei ihm beim bloßen Anblick des Bildnisses der Arche an der Wand, aus dem paarweise die braven, aus der Flut geretteten Tiere hervorschauten, gewesen, als öffne sich vor ihm der Abgrund der Zeit. Eine Wut sei in ihm aufgestiegen, und ehe er noch wußte, was er tat, habe er draußen auf dem Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Zifferblatt des Uhrtürmchens geschossen. Gleichgültig gegenüber alldem aber dreht Chronos nur immer unverwandt und gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel des Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, wie es nur jemand vermag, der in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr hat.

Samstag, 11. November 2017

Concierge

Die rechte Art zu lesen

Cioran bekennt, lesen könne und wolle er nur wie eine Concierge, indem er sich mit dem Autor und dem Buch identifiziere, jede andere Art des Lesens sei Leichenfledderei. Wird der Beruf der Concierge noch ausgeübt? In der klassischen Form, die uns etwa aus Simenons Maigret-Romanen vertraut ist, wird die Concierge, ähnlich wie der Schaffner, Gepäckträger oder Schuhputzer, inzwischen ein Opfer des Fortschritts geworden sein. Anders als dem Schaffner, dem Gepäckträger waren ihr lange Stunden der Stille in einem separaten Raum beschieden, wie geschaffen für das Lesen in einer Zeit, als die elektrischen Bildmedien noch nicht ungehindert wüteten. Ciorans bevorzugte Autoren, mit denen er sich stärker noch als mit anderen identifizierte, waren drei Autorinnen, nämlich Teresa von Avila, Charlotte Brontë und Emily Dickinson. Die Gründe für diese Bevorzugung werden nur angedeutet und nicht näher ausgeführt, und schon gar nicht betätigt Cioran sich als philosophischer, theologischer oder literaturwissenschaftlicher Pathologe ihrer Biographien und Werke. In Sebalds Prosawerk ist die klassische Concierge nicht vertreten, sie wäre als eine Unterart innerhalb der Gattung der Empfangsdamen darzustellen. Bei den Empfangsdamen stoßen wir auf keine Leserin. Als Inhaberin eines Antiquariats wäre Penelope Peacefull prädestiniert für die Lektüre, stattdessen löst sie ein Kreuzworträtsel. Die Dame mit der altmodisch gewellten Frisur am Kassentisch im Ghettomuseum Theresienstadt häkelt, die Dame von sehr stattlichem Format in der Casa Bonaparte Ajaccio schlummert. Die verschreckte junge Frau im Viktoriahotel Lowestoft, auf die der Erzähler erst nach längerem Wandern durch die völlig verlassenen Räume stößt, könnte beim Lesen aufgeschreckt worden sein. Aussichtsreichste Kandidatin ist aber die Mesnerin in der Chiesa Sant’Anastasia, die hinter einem Holzverschlag über einen geeigneten Rückzugsraum, wenn nicht über eine Wohnung verfügt. Teresa von Avila könnte ihr den ihrer Stellung gemäßen Lesestoff bieten. Cioran hatte allerdings nicht verfügt, daß Philosoph und Concierge die gleichen Bücher lesen, auf die Art des Lesens kam es ihn an. Auch die junge Nonne und das junge Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern im Zug nach Mailand, lesen offenbar auf die rechte Art, die eine im Brevier, die andere einen Bilderroman. Der Dichter bewundert den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten.

Mittwoch, 8. November 2017

Man trifft sich

Antwerpen - Paris

Wie oft Selysses und Austerlitz einander getroffen haben, läßt sich nicht sagen, da die regelmäßigen Besuche über mehrere Jahre an Austerlitz‘ Arbeitsplatz in Bloomsbury unweit des Britischen Museums nicht beziffert sind. Ein, zwei Stunden habe man dann jeweils zusammengesessen in dem engen Büro, das einem Bücher- oder Papiermagazin glich. Hatte der Besucher sich jeweils zuvor angemeldet oder einfach angeklopft? Es wird nicht gesagt und auch die Gesprächsthemen werden verschwiegen. Sicher wurde, wie auch bei den vorausgegangenen zufälligen Treffen in Belgien, nicht über Austerlitz‘ Vergangenheit und Lebensgeschichte gesprochen. Wenn zwei einander bislang Unbekannte sich treffen, so wie Austerlitz und der Erzähler im Bahnhof Antwerpen zum ersten Mal zusammentreffen, spricht man nicht von Zufall, auch wenn vielleicht die Wege, die zu diesem Treffen geführt haben, im Nachherein erstaunen lassen. Die nachfolgenden Treffen in Lüttich, Brüssel und Seebrügge sind dagegen für jedermann leicht erkennbar von einer provokativen Zufälligkeit, für jeden erkennbar, aber nicht für Austerlitz, der die Kategorie des Zufalls augenscheinlich ganz ablehnt und stattdessen, wie er bei späterer Gelegenheit erläutert, entgegen der statistischen Wahrscheinlichkeit eine erstaunliche, geradezu zwingende innere Logik sieht.

Gesprächsthema bei den Treffen in Belgien in den sechziger Jahren sind Fragen der Architektur und Bautätigkeit, Austerlitz Lebensgeschichte wird erst bei einem zufälligen Treffen in London in den neunziger Jahren und dann bei weiteren Treffen wiederum in London und dann in Paris Gesprächsgegenstand. Wenn man in der Bautätigkeit einer Art Präludium sieht, bleibt die Frage, warum gerade dieses Motiv und nicht etwa, um ein Beispiel zu nennen, die Schönheit der Unterwasserwelt, davon hören wir dann später, beim Besuch in Andromeda Lodge. Das Architekturthema ist auch nicht in Belgien abgetan, es verschwindet nicht, die Bahnhöfe in London, Prag und Paris bleiben im Fokus, in Paris wird zudem die neue Nationalbibliothek Gegenstand einer ausführlichen Erörterung. Dabei hatte Austerlitz jegliche Bautätigkeit schon gleich zu Beginn nahezu vollständig verworfen: Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es - die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten -, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Cioran ergänzt sachkundig: L’auto, l’avion et le transistor, de l’avènement de cette trinité on peut dater la disparition des dernières traces du Paradis terrestre. Dahinter steckt naturgemäß kein praktischer Bebauungs- und Ausstattungsvorschlag, sondern metaphysisches Empfinden. Der Mensch hat sich die Welt verbaut, alles, was er ins Werk setzt, so wiederum Cioran, wendet sich gegen ihn. Der Parallelsatz Sebalds lautet: Immer, wenn man gerade die schönste Zukunft sich ausmalt, geht es bereits auf die nächste Katastrophe zu. Niemand kann bestreiten, daß sich all sein Tun immer auch gegen den Menschen wendet, die Bilanz ist umstritten. Das Baugeschehen präludiert und überwölbt das gesamte Werk. Wollte man in dem Buch eine Hierarchie der Motive einführen, stände das Bauwesen obenan.

Warum diesen vielen über Jahre und Jahrzehnte verstreuten Treffen? Unentbehrlich sind nur zwei Treffen, dasjenige in den sechziger Jahren in Antwerpen für die Ausführungen zum Bauwesen und das in den neunziger Jahren in London für den Lebensbericht. Die weiteren Treffen auf der belgischen Seite führen das Motiv des Zufalls ein, die Treffen unbestimmter Fahl an Austerlitz‘ Arbeitsplatz begründen einen Grad an Vertrautheit, der den Lebensbericht erst ermöglicht. Die abschließenden Treffen in den neunziger Jahren, die Verlagerung nach Paris schließlich haben vor allem rhythmische Gründe, sie beleben die Erzählung.

Dienstag, 7. November 2017

Reue

Langlebig

Non, je ne regrette rien, c'est payé, balayé, oublié &c. Auf der anderen Seite: Quoique l’homme entreprenne, il le regrettera tôt ou tard. Ciorans Mutter, die, wie er berichtet, diesen dunklen Spruch gern aufsagte, hatte nicht die stimmliche Überzeugungskraft der Piaf, aber gerade darum fühlen wir uns plötzlich zu ihr hingezogen. Die wortlose Gestalt der Mathild Seelos taucht auf vor unserem Auge. Die Mathild hat immer irgendetwas studiert und daher im Dorf als überspannte Person gegolten. Unmittelbar vor dem ersten Krieg ist sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Es wäre nicht verwunderlich, wenn sie in dieser Phase ihres Lebens, sich dem Diktum der Elvira Cioran fügend, zumindest einige ihrer bisherigen Entscheidungen und Unternehmungen bereut hätte, handfeste Hinweise darauf fehlen aber, das Gefühlsleben der Mathild eröffnet sich nicht. Die Dorfbewohner haben sich über die Mathild dahingehend ausgelassen, daß sie aus dem Kloster und aus dem kommunistischen München völlig hinterfür heimgekommen sei, und sie hinter ihrem Rücken eine rote Betschwester geheißen. Die Mathild ihrerseits hat sich, nachdem sie einigermaßen ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, durch solche Bemerkungen in keiner Weise aus dem Konzept bringen lassen. Ganz im Gegenteil hat sie sich in ihrer Eingezogenheit offensichtlich in zunehmendem Maße wohlgefühlt, ja die Art wie sie Jahr um Jahr unter den von ihr verachteten Dorfbewohnern herumgegangen ist, hat etwas durchaus Heiteres an sich gehabt. Die Mathild hat sich lange gehalten, bis gut über achtzig, vielleicht weil sie von allen den wachsten Kopf gehabt hat. Wenn die Mathild jemals Umstände ihres Lebens bereut haben sollte, so hat sie das abgestreift, als sie, wie es heißt, ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Die geradezu trotzige Langlebigkeit zumal klingt, obwohl naturgemäß lautlos, wie die Stimme der Piaf.

Montag, 6. November 2017

Ritorno in patria

Something stupid

Seitdem sich immer deutlicher zeigt, daß trotz Sanktionierung bei Feuertod die komplette Tilgung und Abschaffung des Heimatbegriffes nicht gelingt, sind die Wächter bemüht, seine Renaissance wenigstens in geeignete Bahnen zu lenken. Ihre Vorschläge sind vielfältig, stimmen aber überein in dem Merkmal, jeden Berührungspunkte mit überkommenen, intuitiven Vorstellungen von Heimat zu vermeiden. Bereits in den fünfziger Jahren schien Cioran auf dem rechten Weg zu sein, wenn er die tibetanische Einsicht notiert: La patrie n’est qu’un campement dans le désert. Leider verdirbt er schon im nächsten Satz alles und bekennt: Je donnerais tous les paysages du monde pour celui de mon enfance - die Gegend von Reschinar, nahe Hermannstadt.

Für Sebalds Erzähler liegt sein Heimatort weiter in der Fremde als jeder andere denkbare Ort. Die reale Ortschaft W. beachtet er so gut wie gar nicht und verbringt die Zeit des Aufenthalts damit, das vergangene W. seiner Kindheit hervorzurufen. Es entsteht ein Ort wie kein anderer, die Aufführung der Räuber im Saal des Engelwirts, der Großvater und die Mathild beim Kartenspiel, die Romana beim Abwischen der Tische und Bänke, die Modistin Valerie Schwarz mit geringer Körpergröße und ungeheurer Brust, das zauberhafte Lehrerfräulein Rauch, die Pyramide aus goldenen Sanellawürfeln. Ein Ort wie kein anderer, die vielleicht eingängigste Bestimmung von Heimat, in acht von zehn Fällen wird dieser Ort in der Kindheit gefunden, Combray, er entsteht erst, wenn man ihn verlassen hat, wieder betreten kann man ihn nicht. Ein Ort wie kein anderer und zugleich weiter in der Fremde als jeder andere denkbare Ort, unerreichbar. Cioran erlebt seine nach eigenen Worten überaus glückliche Kindheit in der verlorenen Heimat als besonderes Verhängnis, umso tiefer war dann der Sturz, la chute dans le temps, mit einem Henker als Vater, so denkt er, wäre es nicht so tief herabgegangen.

Die Muttersprache kann man als tragbare Heimat im Gepäck haben. Cioran hat als Schriftsteller seine Muttersprache aufgegeben, und von allen Seiten wird ihm bestätigt, erst das Französische habe seine Schriften hinreichend diszipliniert und damit lesbar gemacht, gleichwohl hat er sich außerhalb des Rumänischen zeit seines Lebens unwohl gefühlt. Sebald läßt in seinen Büchern wiederholt Gestalten auftreten, die die deutsche Sprache meiden, ihren Klang nicht mehr ertragen. Selbst aber hat er als Prosadichter offenbar nie daran gedacht, das Deutsche aufzugeben, er hat es in einem nicht von der schlimmen Zeit kontaminierten Zustand bewahrt und konnte daher auch auf die Reinigungsmaßnahmen des neuen Deutschland verzichten.

Sonntag, 5. November 2017

Sinn Féin

In einem Boot
Cioran schreibt: Der im MAN einbegriffene Plural und der offen eingestandene Plural des WIR bilden den bequemen Zufluchtsort allen unwahren Daseins und, könnte man hinzufügen, das Quellgebiet aller rechten und linken Faschismen, Rassismen und Klassismen. Das WIR, und nicht anders das MAN, ist kaum je zielgenau, es vereinnahmt über Gebühr und schließt andererseits willkürlich aus. Cioran fährt fort: Der Dichter allein verantwortet das ICH. Sebalds immer alleinreisender, niemals in einem WIR aufgehender Erzähler erfüllt dieses Postulat aufs beste, das Wort, die Vokabel WIR kann gleichwohl in einem längeren Prosatext ohne Künstelei nicht vermieden werden, das zeigt sich besonders deutlich bei Bootsfahrten.

Das Boot hob sich mit dem Bug aus dem Wasser, und in einem großen Bogen fuhren WIR in den Canale della Giudecca hinein. Das Boot hat Malachio und den Erzähler für eine gewisse Zeit vereinnahmt, dann wird man wieder auseinandergehen, ci vediamo a Gerusalemme. Auch die übertragene Rede vom Sitzen in einem Boot meint eine Notgemeinschaft auf Zeit, die sich sogleich trennt nach dem gelungenen Anlegen. Andererseits hört man in neuerer Zeit vermehrt, wir säßen allesamt in einem einzigen Boot und könnten es nie wieder verlassen, eine grauenhafte Vorstellung und für eingefleischte Landratten auf keine Weise akzeptabel. Vor uns lag der verglimmende Glanz unserer Welt, an dem WIR, wie an einer Himmelsstadt, uns nicht sattsehen können: das Verb in der Präsenzform zeigt an, es ist ein offenes Wir, wer die Empfindung kennt und teilt, ist angesprochen, ein jeder aber kann sich verweigern, ihm droht kein Unheil.

Die beiden Segel waren im Westwind gebläht, und WIR setzten den Kurs so, daß unser Boot die Gezeitenströmung durchschnitt: der Eingangssatz der Erzählung Scomber scombrus ist im Rahmen des Prosawerks geradezu unerhört, der Erzähler ist als Teil eines eine ungenannte Zahl von Personen umfassenden WIR unterwegs auf einem Segeltörn, wir sehen hinter unseren gschlossenen Augen ein Dutzend wind- und wettergegerbter Frauen und Männer an Deck. Wenn der Westwind nur zwei Segel bläht, scheint das auf ein kleineres Boot zu verweisen, aber wer sagt, daß nicht aus dem einen oder anderen Grund nur zwei Segel eines umfänglichen Segelwerks gesetzt wurden. Am Ende der Erzählung sehen wir den Erzähler allein mit seiner Begleiterin, aber da ist man bereits wieder an Land, die Crew mag sich für einige Zeit getrennt haben und in kleineren Gruppen unterschiedlichen Beschäftigungen nachgehen, bevor man wieder zum gemeinsamen Abendbrot an Bord zusammentrifft. Kann das überhaupt der Erzähler sein, an den wir gewohnt sind? Wenn er es ist, so in einer bislang nicht beleuchteten Phase seines Lebens, als gemeinschaftsfroh, segeltauglich und dem Fischfang zugetan wurde er uns bislang nicht vorgestellt. Je est un autre.

Freitag, 3. November 2017

Château-Filhot

Schwarzlackierter Strohhut

Oscar Wilde sei zu jener Zeit, schreibt Jan Parandowski in Król życia (König des Lebens), der meistbewunderte und meistgehaßte Mensch in England gewesen, selbst aber habe er sich vergöttert. 1930, als das Buch veröffentlicht wurde, waren die grellen Reaktionen auf den irischen Dandy längst abgeflaut, Sebalds Gestalten, Austerlitz, Bereyter, Aurach u.a., hätten nur mit Befremden und Unverständnis auf seine Lebensweise schauen können. Den Aufwand bei Bekleidung und Raumausstattung überspringen wir, täglich gab es minutiöse und langandauernde Absprachen mit dem Maître d'hôtel, den Kellnern und dem Koch das Dinner betreffend, Trüffel mußten aus dem Périgord sein, Austern aus dem Rocher de Cancale, an Weinen kamen Château-Filhot, Johannisberg, Pichon Longville, Sparling-Moselle in Betracht, beim Sekt Perier Jouet oder Dagonet, Zigaretten wurden aus Konstantinopel oder Istanbul geordert, für jede Sorte lag eine eigene Spitze aus Gold, Silber oder Elfenbein bereit. Aurach nimmt allabendlich im Wadi Halfa eines der grauenhaften, von einem Massaihäuptling bereiteten halb englischen, halb afrikanischen Gerichte zu sich und fühlt sich auf eine sozusagen gegenläufig perverse, dem verständigen Sebaldleser ohne weiteres einleuchtende Art wohl dabei.

Das Paar Solomon und Adelwarth hat nur einen Anflug von Ähnlichkeit mit dem Paar Wilde und Lord Douglas, umso beeindruckender ist die Leichtigkeit, mit der sich der Dichter in die in Deauville tagende Welt der Dekadenz hineinträumt, so als sei es die seine. Eine regelrechte Welle des Exotismus brach über die Stadt hinein; des musulmans moldo-valaques, des brahmanes hindous et toutes les variétés de Cafres, de papous, de Niams-Niams et de Bachibouzouks. Immer zahlreicher wurde das Publikum, bald nur noch ein einziges Meer von wogenden Hüten, über denen die Reiherfedern schwebten wie Schaumkronen über dunkel dahinlaufenden Wellen. Der Maharadscha von Kaschmir fuhr vor in seinem inwendig vergoldeten Rolls und hinter ihm her eine zweite Limousine, der eine unvorstellbar korpulente Dame entstieg. Der Ambros hatte einen gelben Leinenanzug an und auf dem Kopf einen spanischen, schwarzlackierten Strohhut. Der Cosmo aber trug trotz des strahlenden Hochsommerwetters einen flauschigen Teddymantel und eine Fliegerhaube, unter der seine blonden Locken hervorschauten – die beiden sind Lord Douglas und Wilde im Habitus um einiges nähergerückt. Ein wunderbar rosarot leuchtendes Hummertier, das langsam manchmal eines seiner Glieder rührte, lag zwischen ihnen auf einer silbernen Platte. Von der wie von einem leichten Seegang bewegten Menge der dinierenden Gäste waren nur die glitzernden Ohrringe und Ketten der Damen und die weißen Hemdbrüste der Herren zu sehen.

Man kann die skizzierte Traumsequenz mit nicht erlahmenden Genuß immer wieder in ihrer Vollständigkeit nachlesen. Das Werk des Dichters deckt, wie jedes andere Werk auch, nur einen winzigen Teil der Welt ab, und doch hat man hier, stärker noch als sonst, das Gefühl er vermöchte, Deo aeternam quasi vitam dante, alle Nischen und Lücken ausfüllen, auch die ihm von Haus aus nicht leicht zugänglichen. Dem Cosmo Solomon bereitet er ein nicht weniger trauriges und schlimmes Ende, als Wilde es hatte.
*
Die Geschichte vom Untergang des Cosmo Solomon bei Sebald ist längst nicht so quälend wie die Erzählung vom Untergang des Oskar Wilde bei Parandowski. So wenig Sebald glauben kann an Hebels Welt des Gleichgewichts, in der jedes ausgestandene Unglück entgolten wird und jedes uns auf gegebene Rätsel eine Lösung hat, so unauslöschlich ist diese Welt seiner Prosa als Sehnsucht eingeprägt.

Mittwoch, 1. November 2017

Mordlust

Grande ville

Benn hat die Berufung des Menschen zum ζῷον πολιτικόν als eine bloße Balkanidee abgetan. Luhmann scheint selbst ein wenig verwundert, wenn er Organisationen die Fähigkeit bescheinigt, in ihrem Inneren auch eine größere Zahl von Menschen relativ konfliktfrei beisammen zu halten. Cioran geht das Thema am Beispiel der Stadt mit der ihm eigenen Verve an: Quelque soit la grande ville où le hasard me porte, j’admire qu’il ne s’y déclenche pas tous les jours des soulèvements, des massacres, une boucherie sans noms, un désordre de fin de monde. Comment, sur un espace aussi réduit, tant d’hommes peuvent-ils coexister sans se détruire, sans se haïr mortellement? Girard zufolge sind die Menschen schon an dem ersten Tag, nachdem sie das Affenkleid abgestreift und demgemäß die instinktgesteuerte Tötungshemmung verloren hatten, übereinander hergefallen, nur die willkürliche Bestimmung eines Gruppenmitglieds als Sündenbock und seine rituelle Opferung konnte immer wieder die Aggressionen für eine gewisse Zeit einhegen und die rapide Selbstauslöschung der menschlichen Gattung bis auf weiteres verhindern. Sebald löst das Problem, ohne es zuvor anzusprechen, seinerseits durch eine heimliche aber radikale Auslichtung der Menschenart. Manchester ist eine menschenleere Stadt, Wien ebenso, niemanden hat er dort, mit dem er sprechen kann, bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. In Prag ist die unmittelbar bevorstehende Entvölkerung abzusehen, die Menschen sehen sämtlich krank und grau aus wie chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte Raucher. Wenn eben möglich trifft der Erzähler an einem Ort nur jeweils eine Person, in Venedig Malachio den Astrophysiker, in Verona Salvatore Altamura. Bei der englischen Wallfahrt sind sie, bei wesentlich kürzeren Distanzen, aufgereiht wie an der Perlenschnur, Farrar, Le Strange, Garrard, Hamburger. Trifft der Erzähler auf größere Menschenmassen, vorzugsweise in Form von Touristen, ergreift er die Flucht, offenbar um seiner aufkeimenden Mordlust vorzubeugen. So in Venedig, wo ein wahres Heer von Touristen in der Bahnhofshalle lagert hingestreckt wie von schweren Krankheit in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden liegen oder in Limone, wo eine einzige buntfarbene Menschenmasse sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts schiebt, lauter Lemurengesichter, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten.

Chorioretinopathie

Endogenes Nocturama

In die französische Literatur sei neuer Schwung gekommen, heißt es in einem Zeitungsartikel zur Frankfurter Buchmesse, die Autorinnen und Autoren kämen nunmehr ohne Umschweife und schnörkellos zur Sache, u.a. eine Literatin namens Despentes dient als Beleg, Baise-moi ihr bekanntester Titel. Der Dichter verfehlt den kurzangebundenen Stil gänzlich, daß er kein Franzose ist, taugt nicht als Entschuldigung, helfen wir ihm so gut es geht auf die Sprünge.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bin ich zu Studienzwecken von England aus wiederholt nach Belgien gefahren. Bei einer dieser Reisen habe ich im Bahnhof Antwerpen Austerlitz zum ersten Mal getroffen
: So ähnlich könnte in einer ökonomischen, auf Handlungsfortschritt bedachten Erzählweise die Eingangspassage von Austerlitz lauten. Nicht nur, daß der Dichter zu den Studienzwecken noch andere, ihm selber nicht recht erfindliche Gründe hinzufügt, die ebensowenig aufgeklärt wie die Studienzwecke erläutert werden, er führt uns zunächst ausführlich ins Nocturama. In Erinnerung geblieben ist ihn, daß etliche von den dort behausten Tieren auffallend große Augen hatten und jenen unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt. Wie das Nocturama, so der Wartesaal, versuche ich diesen Wartesaal heute mir vorzustellen, sehe ich sogleich das Nocturama, und denke ich an das Nocturama, dann kommt mir der Wartesaal in den Sinn. Nocturama und Wartesaal sind eins, damit ist auch Austerlitz ein weiterer Bewohner des Nocturamas, oder der, der am Ausgang des Nocturamas wartet.

In der Folge trifft der Erzähler bis in die siebziger Jahre hinein wiederholt mit Austerlitz zusammen, teils zufällig, teils verabredet, um ihn dann für zwanzig Jahre aus dem Auge zu verlieren, bevor er ihn durch eine, wie es heißt, eigenartige Verkettung von Umständen erneut trifft. Auch hier kann eine zielstrebige Kurzfassung der tatsächlich sich über sechs Seiten erstreckenden Erzählpassage ersetzen: Nicht wenig beunruhigt vom plötzlichen fast völligen Schwund der Sehkraft des rechten Auges fuhr ich an einem der folgenden Tage zur augenärztlichen Untersuchung nach London. Die Diagnose war eine wahre Erlösung, nur ein zeitweiliger, selbstheilender Defekt, Chorioretinopathie in der Fachsprache. Um die Zeit bis zur Rückfahrt zu überbrücken, suchte ich für einen Kaffee die Salon Bar des Great Eastern Hotel auf. Zu meinem nicht geringen Erstaunen saß Austerlitz an einem der Tische.

Das Buch, den Reiz der knappen Fassung mißachtend, berichtet zunächst umfänglich von den Symptomen der aufgetretenen Augenerkrankung des Erzählers. Sozusagen über Nacht war die Sehkraft des rechten Auges fast gänzlich geschwunden. Es war ihm, als müsse er sein Augenmerk nur ins Abseits lenken - der Lehrer Hilary hatte in allgemeiner Weise vermutet, daß die Wahrheit in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits liegt – um die vermutlich hysterisch bedingte Sehschwäche zum Verschwinden zu bringen. Das bewahrheitet sich nicht. Eine Vision der Erlösung erfüllt ihn, in der er im Garten sitzt, befreit vom Lesen- und Schreibenmüssen, umgeben von einer konturlosen, nur an ihren schwachen Farben noch zu erkennenden Welt, ein endogenes Nocturama gleichsam. Bereyter hatte in ähnlicher Lage von einem grauen Prospekt gesprochen. Während der Bahnfahrt nach London scheint die Augenmisere vergessen, im Wartezimmer erinnern ihn einige vor dem Fenster vorbeischwebende Schneeflocken an den Kindheitswunsch, alles möge zuschneien, das ganze Dorf und das Tal bis in die obersten Höhen hinauf. Die günstige Diagnose, Chorioretinopathie, ruft keine erkennbare Euphorie hervor. Eher begeistern ihn bei der anschließenden Untersuchung des Augenhintergrunds die kleinen Lichtpunkte, die bei jedem Druck auf den Auslöser des Untersuchungsgerätes in seinen weit aufgerissenen Augen zersprangen, so als seien die Augen Teil einer optischen Anlage geworden; man denkt an Austerlitz‘ photographische Unternehmungen. Unversehens und ohne Überleitung oder Begründung sitzt der Erzähler eine halbe Stunde später in der Bar des Great Eastern Hotels, die ganze ophthalmologische Pathogenese ist damit unter dem Gesichtspunkt des erzählerischen Handlungsziels, nämlich Austerlitz zu treffen, überflüssig. Von daher ließe sich das Geschehen noch kürzer fassen: Als ich wieder einmal in London war, suchte ich aus mir selbst nicht recht erfindlichen Gründen die Bar des Great Eastern Hotel auf. Zu meinem nicht geringen Erstaunen saß Austerlitz an einem der Tische.

Können wir das Erstaunen auch noch streichen? Der Erzähler gibt kein Erstaunen zu erkennen, und Austerlitz ist offenbar nicht im geringsten erstaunt, ohne auch nur ein Wort zu verlieren über das nach solch langer Zeit rein zufällig erfolgte Zusammentreffen, nimmt er das Gespräch mehr oder weniger dort wieder auf, wo es einst abgebrochen war. Auch der vom Erzähler ins Feld geführten Verkettung von Umständen müssen wir kritisch gegenüberstehen. Abgesehen davon, daß er, diesmal aus einem erfindlichen Grund, den Zug besteigt, gibt es eigentlich keine Verkettung von Umständen, die Versuche der Selbsttherapie, das Gefühl der Erlösung, der Schnee im Alpental sind keine Kettenglieder, die zu Austerlitz führen, wir können zur Freude der zahlreichen Anhänger eines  schnörkellosen Stils noch weiter kürzen: Wieder einmal in London, suchte ich die Bar des Great Eastern Hotel auf und sah Austerlitz an einem der Tische sitzen.
*
Es ist Zeit, sich zu besinnen und Mme Despentes nicht kampflos das Feld zu überlassen. Die Streichungen haben nicht das Überflüssige entfernt, sondern das Eigentliche, das Eigenleben der Motive. Wenn man aus dem Dunkel des Nocturamas tritt, begegnet man Austerlitz, ist eine auf dieser Ebene abzuleitende Aussage, keine Aussage im Sinn einer Aussagenlogik naturgemäß, und über ihre Bedeutung kann aber muß man nicht nachsinnen. Resonanzen von Erlösung, Abseits, Lichtpunkten wurden schon erwähnt. Den Text beherrscht eine Ordnung, die am besten mit halbgeschlossenen Augen wahrzunehmen ist. Der Zufall ist in einer solchen Ordnung um seine Zufälligkeit gebracht.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Verletzlich

Dekapitation

Cioran ist Paul Celan, den er gerne mochte und gut kannte, nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen, aus Angst ihn zu verletzen, denn alles habe Celan verletzt. Wenn Cioran ihn traf, mußte er ständig auf der Hut sein und überwachte sich so sehr, daß er nach einer halben Stunde ganz erschöpft war. Ist das Verhältnis des Erzählers zu Austerlitz ähnlich, läßt er ihn deshalb reden und trägt selbst kaum etwas bei? Auf einem gemeinsamen Spaziergang ergreift der Erzähler entgegen seiner Gewohnheit das Wort und erzählt Austerlitz von einem einfachen Mann aus Halifax, der nach dem Tode seiner Frau in eine so tiefe Trauer verfallen war, daß er den Entschluß faßte, sich selber das Leben zu nehmen, und zwar vermittels einer eigenhändig von ihm in das Betongeviert der äußeren Kellerstiege seines Hauses hineingebauten Guillotine, die seinem Handwerkersinn, nach gründlicher Erwägung anderer Möglichkeiten, das verläßlichste Instrument zur Ausführung seines Vorhabens schien, und tatsächlich hatte man ihn in einem solchen, ungemein solide gebauten und bis ins kleinste sauber gearbeiteten Dekapitationsapparat schließlich liegen gefunden, die Zange, mit der er den Zugdraht durchschnitten hatte, noch in der erstarrten Hand. Austerlitz antwortet auf den im Stile Kleists vorgetragenen Bericht längere Zeit nicht, vielleicht, so mutmaßt der Erzähler, weil er das Herausstreichen der absurden Aspekte des Falls als eine Geschmacklosigkeit empfunden hatte. Nach einer Weile aber bestätigt Austerlitz in nüchterner Sachlichkeit, er könne den Schreiner in seiner sorgfältigen Planung und allen Anforderungen der Handwerkskunst genügenden Durchführung sehr wohl verstehen, denn es gäbe nichts Schlimmeres, als auch noch das Ende eines unglücklichen Lebens zu verpfuschen. Cioran berichtet von seiner Angst vor Celans Verletzlichkeit, als der sich tags zuvor umstandslos in der Seine ertränkt hatte.

Samstag, 21. Oktober 2017

Misanthropie

Lesegemeinschaft

Der Autor liebt seine Leser wie sie ihn, aus der Ferne, das Werk steht zwischen ihnen. Man bleibt auf Distanz, keine Versammlungen, keine Deklamationen, was es gibt, ist eine stumme Bruderschaft der Geistesarbeiter in den Bibliotheken, darunter ein älterer Herr mit sorgsam gestutzten Haar und Ärmelschonern, der seit Jahrzenten an einem Lexikon der Kirchengeschichte arbeitete, das er nie würde zu Ende bringen können. Altamura weiß seinem Bedürfnis zu lesen am Abend einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen, er rettet sich in die Prosa wie auf eine Insel. Auf seinen Reisen und Wanderungen besucht Selysses besucht so gut wie nur Insulaner, Menschen, die John Donnes Inselverständnis nicht rückhaltlos teilen, Misanthropen mit einem Wort. Cioran radikalisiert und rundet es ab: De tous les êtres, les moins insupportables sont ceux qui haïssent les hommes. Il ne faut jamais fuir un misanthrop.

Schwarz vor Augen

Ausgeschieden


Quatre corps par mètre carré soit un total de huit cents corps chiffre rond 

On ne saurait aimer la masse humaine ni en gros ni en détail

Schwarz von Menschen, schwarz vor Augen, schwarz vor Augen von Menschen. Sloterdijk zitiert Canetti: Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. - Das frühe 20. Jahrhundert ist die hohe Zeit der Massen im öffentlichen Raum. Die Massen, las masas, wurden unterschiedlich bewertet, den einen hielten sie für bedrohlich, den anderen waren sie Heilsbringer, wenn sie denn, etwa als Proletariat, auf der richtigen Seite und für Fortschritt und Revolution standen. Aus einer mittleren Position heraus wurde und wird die Entwicklung der Massen zum Subjekt unter dem Namen einer mündigen Öffentlichkeit erhofft. Hier gibt es wiederum zwei Lager, die einen halten das Projekt für so gut wie gelungen, die anderen sehen Indizien für eine Rückwärtsbewegung, wenn es denn je eine Bewegung nach vorn gegeben haben sollte. Wer versehentlich auch nur für Sekunden in das sogenannte Unterhaltungsprogramm eines privaten Fernsehsenders gerät, kann sich eigentlich nur auf die Seite der Zweifler schlagen.

Sebald ist der Dichter der Vereinzelten und Einsamen, Freude und Genugtuung beim Anblick einer Menschenmasse kann man bei ihm und seinen Gestalten nicht erwarten. Sie hatte sich einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Was Mathild Seelos im einzelnen erlebt hatte, weiß niemand. Vor dem inneren Auge ziehen Menschenmassen vorbei, Gewalt, Blut, Tod. Unmittelbar vor dem ersten Krieg war Mathild in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen. Ordensgemeinschaften sind keine Menschenmassen, vielleicht aber ihr Kondensat, sie versuchen auf Dauer zu stellen, was diese für den Augenblick generieren, ein gemeinsames Erleben, eine gemeinsame Sicht, ein gemeinsames Ziel. Mathild Seelos war wohl einfach kein Gemeinschaftsmensch, nicht erst die Schreckenserlebnisse hatten sie zweifeln lassen. Nach ihrer Rückkehr ins Dorf hat sie vollständig rückgezogen gelebt und sich, nachdem sie einigermaßen ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, durch die gehässigen Bemerkungen ihrer Mitbewohner in keiner Weise aus dem Konzept bringen lassen. Ganz im Gegenteil hat sie sich in ihrer Eingezogenheit offensichtlich in zunehmendem Maße wohlgefühlt.

Aurach hatte als Kind und Heranwachsender andere Eindrücke von den Massen. Aus der Zeit nach 1933 kann er sich an kaum etwas anderes erinnern als an Prozessionen, Umzüge und Paraden, zu denen es offenbar immer einen Anlaß gegeben hat. Entweder es war Maifeiertag oder Fronleichnam, Fasching oder der zehnte Jahrestag des Putschs, Reichsbauerntag oder die Einweihung des Hauses der Kunst. Entweder trug man das Allerheiligste Herz Jesu durch die Straßen oder die sogenannte Blutfahne. - Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden, plötzlich ist alles schwarz von Menschen: es ist, als sollte genau dieser Effekt durch eine pausenlose Abfolge organisierter Aufmärsche und Prozessionen ausgeschaltet werden, die Masse ist gezähmt, auch die Zuschauermassen sieht man wohlerzogen ausharrend hinter den Sperrgittern. Von Mal zu Mal hat bei den einander ablösenden Versammlungen und Aufmärschen die Anzahl der verschiedenen Uniformen und Abzeichen zugenommen, es war als entfalte sich vor den Augen der Zuschauer eine neue Menschenart nach der anderen, neue Menschenarten, von denen man sich gewiß nichts Besseres erhoffen kann als von den alten. Gleichermaßen erfüllt von Bewunderung, Zorn, Sehnsucht und Ekel hat Aurach das Kind in der je nachdem jubelnden oder ergriffenen Menge gestanden und seine Unzugehörigkeit als Schande empfunden.
Maximilian Aychenwald berichtet vom Reichsparteitag in Nürnberg. Stunden vor der Ankunft des Führers seien die aus allen Teilen des Landes herbeigekommenen Menschen dicht an dicht und in erwartungsvoller Erregung entlang der vorbestimmten Route gestanden, bis endlich, aus dem brausenden Jubel heraus, die Motorkavalkade der schweren Mercedeswagen erschien und im Schrittempo durch die enge freigelassene Gasse glitt. Er selbst habe sich in dieser zu einem einzigen Lebewesen zusammengewachsenen und von sonderbaren Kontraktionen durchlaufenen und durchzuckten Menge als Fremdkörper empfunden, der nun gleich zermahlen und ausgeschieden werden würde. – Die Lage hat sich verändert, die ebenso grelle wie graue Vielfalt der Aufmarschanlässe ist beiseite gewischt von dem alles gespenstisch überstrahlenden Großereignis. Ein Zwiespalt zwischen Bewunderung und Ekel besteht nicht mehr, man weiß, was man zu denken hat.

Die drei Probanden, Mathild, Aurach und Aychenwald, leiden sämtlich an Massenunverträglichkeit, Aychenwald hat, wenn man so will, den Vorteil, es nicht mehr herausfinden zu müssen. Der Erzähler, Selysses, wird nicht mit politisch motivierten Menschenansammlungen konfrontiert, sie sind inzwischen selten geworden und wirken, wenn sie stattfinden, wie an den Haaren herbeigezogen*. Den sich zusammenrottenden Spaßversessenen geht er nach Möglichkeit aus dem Weg, die Einladung zu den Festspielen in Bregenz angenommen zu haben, reut ihn noch Jahre später. Dem Ferienvolk aber kann er nicht immer entkommen, eine einzige buntfarbene Menschenmasse schob sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Daraufhin reist er ab aus Limone.

* Catalunya ausgenommen

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Stilles Feuer

Wandlungen

Bei der Betrachtung Rimbauds läßt sich die Metapher eines hell aufleuchtenden und dann schnell wieder erlöschenden Meteors, besser noch einer lyrischen Supernova, die unversehens zum Schwarzes Loch zusammenfällt, nur schwer vermeiden. Für wenige Jahre war er der hoffnungslos überbegabte jugendliche Lyriker und Denker und dann für den Rest seines kurzen Lebens der so gut wie verstummte Handlungsreisende in Ostafrika. Beide Lebensteile sind gleich rätselhaft und ungeklärt, vom ersten Teil aber zeugen die unbezweifelbaren, jedermann zugänglichen Dokumente mit und ohne Reim. Von den afrikanischen Jahren bleibt wenig mehr als ein paar karge Briefe, die meisten gerichtet an die Mutter, der er, zuvor undenkbar, inzwischen nach dem Munde redet. Bücher, die er sich nach Harar hat schicken lassen, sind ausschließlich dem Bereich Technik und Sprachkunde zuzurechnen. Für die meisten Betrachter geht durch Rimbauds Leben ein unerklärlicher tiefer Bruch, andere versuchen, eine schwer begreifliche Einheit zu sehen. Ein übergreifendes Merkmal ist in jedem Fall, daß er Zeit seines Lebens ein Gewaltmarschierer schwer vorstellbaren Ausmaßes war. Eine Statue neueren Datums in Charleville zeigt den blutjungen Dichter nicht mit Feder und Papier, sondern als Marschierer, der für einen Augenblick der Rast sein schweres Schuhwerk abgelegt hat.

Gemessen daran Sebalds bleiben beachtliche Wanderleistungen im zivilen Bereich. Für seine späte Wandlung zum Prosadichter muß man die Weltraummetaphorik nicht bemühen, auflodernde Energiestürme sind nicht zu verzeichnen, Schwindelgefühle stattdessen. Jahrzehntelang war der Funken der Zündschnur wie eine Natter durch das Gras gelaufen, und nun erstrahlt in betörenden Farben ein Bengalisches Feuer. Obwohl er uns nichts schuldet, fühlen wir uns von Rimbaud insgeheim hintergangen und betrogen. Von Sebald fühlen wir uns unverdientermaßen reich beschenkt. Froh verzichten wir darauf, seine Wandlung zu erklären. Merke: Dem geflügelten Gaul schaut niemand ins Maul.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Moräne

Geschreddert

Zu Sloterdijks Manierismen zählt die Neigung, eine wenig bekannte historische Person oder ein wenig bekanntes historisches Ereignis zu nennen, um dann zur Beschämung des unkundigen Lesers zu behaupten, ohne diese Person oder ohne dieses Ereignis sei der weitere Verlauf der Geschichte in keiner Weise verständlich. Könnte man den Verlauf der Geschichte aber mit Kenntnis dieser Person oder dieses Ereignisses verstehen? Zielführender wäre wohl Honeckers bekannter Sinnspruch vom Ochs und vom Esel, hätte der Staatsmann ihn nur auf den Weltenlauf insgesamt bezogen und nicht auf den Sozialismus eingeschränkt. Im Vormärz damals, als, wie uns der Dichter ins Gedächtnis ruft, Gottfried Keller mit dem Schreiben begann, trieb die Hoffnung auf einen neuen Gesellschaftsvertrag schöne Blüten, stand die Verwirklichung der Volksherrschaft noch zu erwarten, hätte alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam. Es hätte wohl anders kommen können, aber sicher nicht so, wie man es seit 1789 erwartete, als man glaubte, die Geschichte auf Null stellen zu können, um sie fortan nach menschlichem Plan und gemäß den sogenannten menschlichen Bedürfnissen verlaufen zu lassen.

Die Schwindel.Gefühle sind ein Geschichtsroman, Stendhal steht für das frühe neunzehnte Jahrhundert, Kafka für das frühe und Selysses für das späte zwanzigste Jahrhundert. Mit dem Schlußsatz nimmt der Erzähler vorausschauend im einundzwanzigsten Jahrhundert den gleichen Zeitpunkt wie Stendhal und Kafka in ihrem jeweiligen Säkulum: 2013 – Ende -.

Mitte Mai des Jahres 1800 zog Napoleon mit 36 000 Mann über den Großen St. Bernhard – mit diesem Eingangssatz könnte auch ein Roman beginnen, in dem eine historische Person oder eine Gruppe historischer Personen im Vordergrund stehen, ein solcher Roman entwickelt sich aber nicht, es kommt auch in dieser Hinsicht ganz anders. Noch weniger lesen wir einen über mehrere Generationen geführter Familienroman vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung. Niemanden in diesem Buch hält es so recht an seinem geschichtlichen Ort, keiner ist an seinem Platz. Kafka ist dem in Oberitalien reisenden Erzähler, obwohl mehr als fünfzig Jahre sie trennen, immer nur einen Schritt voraus. Dante läuft, vom Dichter bemerkt und aufgespürt, durch das Wien unserer Tage, der Bayernkönig Ludwig hält sich in Venedig auf, der Heilige Georg hat wichtige Geschäfte in Mailand zu erledigen, der erst von Kafka erfundene Jäger Gracchus fährt mit seiner Barke, unter Nutzung der ihm angedichteten schon mehr als tausendjährigen Irrfahrt, bereits vor den Augen Stendhals in den Hafen von Riva ein. Beim Studium der zu Folianten gebundenen Veroneser Zeitungen des Jahres 1913 tritt nur disparates Zeug zutage. Der Geschichtsverlauf ist geschreddert. Nachdem er den Begriff der Geschichte in dieser Weise ad absurdum geführt hat, bekennt sich der Erzähler mit einigem Stolz als Historiker, Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker aus Landeck.

Die Menschheit formiert sich zum Unternehmen Geschichte mit der so unbegründeten wie unverrückbaren Erwartung eines Happy Endism, formuliert Sloterdijk der, Manierismen hin oder her, gern ins Schwarze trifft. Geschichte ist dem, was ohne Namen und ohne Begriff mit uns geschieht, nur aufgesetzt von Menschenhand, sie ist das, was in Luhmanns Diktion Semantik heißt. Für Gottgläubige war es mehr als fünfzehnhundert Jahre einsichtig, die Welt als im Wartezustand auf das Jüngste Gericht hin zu erleben, Hegel, Marx, einige andere und schließlich als Nachzügler Fukuyama zeichneten dann das glückliche Ende mit zivilen Mittel nach. Der Glaube an ein Happy End hienieden schrumpft inzwischen unaufhaltsam, das Bad End, zu welchem Zeitpunkt auch immer, ist so sicher wie immer schon das Amen in der Kirche. Der Dichter, liest man seine expliziten Äußerungen zum Thema, hätte dem in etwa zugestimmt

Den Weltengang, den Weltenlauf hält weder Ochs noch Esel auf, der Dichter hat eine andere Metapher parat: Sie kommen heraus aus dem Eis und liegen am Rand der Ewigkeitsmoräne, viele Paare genagelter Schuhe und geschliffene Knochen, ein weites Feld voller Totengebein, und des Gebeins lag da viel, sie waren sehr verdorrt - das ist es, was dereinst noch zu sehen und zu deuten bliebe von der Menschheitsgeschichte.

Montag, 9. Oktober 2017

Schlaflos

Wächter vonnöten

Wenn der Dichter von einer besonders unguten Nacht spricht, muß man annehmen, daß seine Nächte durchweg nicht gut verlaufen. Tatsächlich wird die vollendete Nachtruhe, die er unter dem Dach der Goldenen Taube in Verona erfährt, als wahres Weltwunder gehandelt. Er macht während seiner Reisen kaum Anstalten, sich nach Alternativen umzuschauen, die Nacht anders zu verbringen, obwohl doch eine Stadt wie Wien etwa zahlreiche Möglichkeiten bietet, die Nacht, wie man sagt, zum Tag zu machen. Wenn vielleicht auch erst zu später Stunde, kehrt er doch immer in sein Hotelzimmer zurück. Den Fernseher getraut er sich schon nicht mehr anzustellen, obwohl es zumindest mit der Option lautlos ohne weiteres möglich wäre. Er sieht der Tortur einer unguten Nacht entgegen und fällt oft erst in den Morgenstunden in einen wenig erquickenden Schlaf. Im Hotel in Southwold macht er im übrigen die Erfahrung, daß das Fernsehen durchaus hilfreich sein kann. Kaum hat er den Apparat eingeschaltet und es sich in dem grünen Samtfauteuil bequem gemacht, ist er auch schon in einen tiefen Schlaf gesunken.

Austerlitz geht anders vor. Mehr als ein Jahr lang, berichtet er, bin ich bei Einbruch der Dunkelheit außer Haus gegangen, man kann ja tatsächlich in einer einzigen Nacht von einem Ende der riesigen Stadt ans andere gelangen. Überall in den zahllosen Häusern, in Greenwich geradeso wie in Bayswater oder Kensington liegen die Londoner jeden Alters, anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten, zugedeckt und, wie sie glauben müssen, unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst auf dem Weg durch die Wüste. – Es ist ein von Kafka entliehener Text*, der uns so unvermittelt aus dem Herzen der modernen Großstadt London zurückführt in die Tiefe der Vor- und Wüstenzeit. Wüstenvisionen sind dem Dichter nicht fremd, immer wieder ziehen die Wüstensöhne mit ihren Karawanen durchs Bild, in der Pariser Nationalbibliothek ruhen sie aus von ihrer Mühsal, es schien, daß diese in kleinen Gruppen am Boden kauernden Gestalten sich hier in der letzten Abendglut niedergelassen hatten auf ihren Weg durch die Sahara oder über die Halbinsel Sinai. Nachtruhe finden sie dann in Kafkas Karawanserei.

Sloterdijk**, der gern eigene Wege geht, sieht eine Wächter- gemeinschaft als Urzelle der Zivilisation und berichtet von Heraklits Sorgen um die taghelle Polisgesellschaft. In der Stadtnacht droht die Welt unterzugehen, die Menschen hören auf Bürger zu sein und versammeln sich zu ihren Toten, am privaten Ort geben sie das Gemeinsame preis, sie schlafen, sie weinen, sie wälzen sich hin und her, sie träumen, jeder für sich. Zwischen Austerlitz' Worten aus dem Munde Kafkas und Heraklits Worten aus dem Munde Sloterdijks besteht ein seltsamer dunkler Gleichklang, er nimmt geradezu gespenstiges Ausmaß an, wenn wir Kafka ohne Austerlitz weitereden lassen: Und Du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben Dir. Warum wachst Du? Einer muß wachen heißt es. Einer muß dasein.

Die gleiche Konstellation von Schlafenden und Wachenden, hatte Kafka seinerseits Heraklit studiert? Es wäre bizarr, hätte Sebald Austerlitz von Kafkas neben den Schlafenden auch noch den Wächter übernommen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß wir insgeheim in Austerlitz ebenfalls einen Wächter sehen können, Wächter nicht der jungen Polis, sondern Wächter in einer von Auschwitz und Theresienstadt zerstörten Zivilisation. Schon Kafka aber scheint in die Erfolgsaussichten des Wächtertums keine großen Hoffnungen, einer muß dasein, das klingt nicht draufgängerisch. Worüber wacht Austerlitz, über dem, was noch sein kann oder über dem, was hätte sein können? So laß uns ruhig schlafen und unsern armen Wächter auch. Selysses findet zum seligen Schlaf in der Goldenen Taube, nachdem er sich von seiner Identität verabschiedet und die von Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker aus Landeck angenommen hat, Historiker im 19. Jahrhundert, als die Hoffnung auf einen neuen Gesellschaftsvertrag noch schöne Blüten trieb, als, wie es schien, alles noch hätte ganz anders kommen können, als es dann gekommen ist. Das 20. Jahrhundert war nicht mehr zum Schlafen gemacht.

* Wie rühren wir an den Schlaf der Welt? In: Weltfremdheit
** Nachts, in: Die Erzählungen

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Lebensdaten eines Namenlosen

Im Hintergrund

Es beginnt eigentlich immer mit ihm, dann tritt er in den Hintergrund. Den Onkel hatte er nur ein einziges Mal gesehen, als Kind im Sommer des Jahres 1951. An die sechzig Personen waren zu einem umfassenden Familientreffen nach W. eingeladen, darunter auch sämtliche Amerikaner, wie man sie kurz und bündig nannte, und bei der großen Kaffeetafel im Schützenhaus wurde der Onkel, als der Älteste der nach Amerika Ausgewanderten und ihr Vorfahr sozusagen, aufgefordert, das Wort an die versammelte Sippschaft zu richten. Obzwar ihm vom Inhalt der Kaffeetafelansprache des Onkels nichts mehr erinnerlich ist, entsinnt er sich doch, zutiefst beeindruckt gewesen zu sein von der Tatsache, daß er anscheinend mühelos nach der Schrift redete und Wörter und Wendungen gebrauchte, von denen er allenfalls ahnen konnte, was sie bedeuteten. 1966, in seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr und nachdem er bislang nie mehr als fünf oder sechs Zugstunden von zu Hause weg gewesen war, entschließt er sich aus verschiedenen Erwägungen nach England überzusiedeln, ohne eine zulängliche Vorstellung davon, wie es dort aussehen und wie er, ganz nur auf sich gestellt, in der Fremde zurechtkommen würde. Letztlich ist es allein das sinnreiche, in seinem Zimmer aufgestellte Gerät, die sogenannte teas-maid, eine Kombination aus einem Teekocher mit der Gestalt eines kleinen Kraftwerks und einer Weckeruhr, das ihn durch sein nächtliches Leuchten und sein leises Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten läßt. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist er, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, ihm selber nicht recht erfindlichen Gründen von England aus wiederholt nach Belgien gefahren. In Erinnerung geblieben sind ihm vor allem etliche im dortigen Nocturama behauste Tiere mit auffallend großen Augen und jenem unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt. Im September 1970 begibt er sich, inzwischen verheiratet, auf Wohnungssuche in der Umgebung der ostenglischen Stadt Norwich. Nachdem sie zunächst bei einem gewissen Dr. Selwyn untergekommen sind, kauft Clara, seine Frau, im Mai 1971 eines Nachmittags unversehens ein Haus, das die beiden fortan bewohnen. Im Oktober 1980 fährt er nach Wien, in der Hoffnung, durch eine Ortveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Die Kur verfängt nicht. Rastlos läuft er durch die Stadt. Er hat niemanden, mit dem er sprechen kann, selbst die Telephone bleiben stumm. Bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus hat er einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel. Bald sind deutliche Spuren der Verwahrlosung sind nicht mehr zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich. Er reist weiter nach Venedig, dann nach Verona, ohne daß sich seine Lage grundsätzlich ändert. In einer Pizzeria in Verona erfaßt ihn eine plötzliche Panik, er legt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug zurück über den Brenner. Im Januar 1984 erreicht ihn aus S. die Nachricht, Paul Bereyter, bei dem er in der Volksschule gewesen war, habe am Abend des 30. Dezember seinem Leben ein Ende gemacht. In den nachfolgenden Jahren hat er sich immer häufiger mit Paul Bereyter beschäftigt und versucht, hinter seine ihm so gut wie unbekannte Geschichte zu kommen. Im Sommer 1987 hat er, einem seit langem sich rührenden nachgebend, die Reise von Wien über Venedig nach Verona noch einmal gemacht. Die Reise verläuft wie geplant und diesmal weitgehend ohne besondere Vorkommnisse. Nachdem er die Oktoberwochen in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßt er eines Nachmittags den Entschluß, nach England zurückzukehren, vorher aber noch seinen Geburtsort W. zu besuchen. Im August 1992 dann macht er sich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, einer sich in ihm ausbreitenden Leere zu entkommen, eine Hoffnung, die sich, anders als seinerzeit in Wien, zu einem gewissen Grade erfüllt, denn selten hat er sich so ungebunden gefühlt als wie bei dem stunden- und tagelangen Dahinwandern durch die teilweise nur spärlich besiedelten Landstriche hinter dem Ufer des Meers. 1993, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn seiner Reise, wird er in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital der Provinzhauptstadt eingeliefertZwei Krankenschwestern, Katy und Lizzie, umschweben ihn engelsgleich, und er glaubt, nur selten sei er so glücklich gewesen wie unter ihrer Obhut. 1996, die Lähmung ist längst überwunden, sind es die Augen. Beim Heraussuchen einer Anschrift aus dem Telephonbuch bemerkt er, daß, sozusagen über Nacht die Sehkraft seines rechten Auges fast gänzlich verschwunden war. Es handele sich, stellt der Ophthalmologe die beruhigende Diagnose, um einen meist nur zeitweiligen Defekt, bei dem sich an der Makula, etwa wie unter einer Tapete, eine Blase bilde, die von einer klaren Flüssigkeit unterlaufen sei. Im Jahr darauf taucht er in Paris auf, dann verliert sich die Spur.