Freitag, 4. Dezember 2015

Bellezza

Giacomettis Hilfe



Elle était belle! Il ne la pas vue de près, mais cela ne fait rien: Elle était belle!

Jean Cau berichtet von einem gemeinsamen Cafébesuch mit Sartre und Giacometti. Giacometti, der bis dahin eigentlich nur geschwiegen hatte, habe plötzlich gesagt: Sartre, vous êtes beau. Das ging selbst Sartre - man kennt ihn von Bildern - im Prinzip in allen Richtungen und rundum von sich überzeugt und eingenommen, ein wenig weit. Giacometti aber habe nachgelegt: Vous ressemblez à Hamlet. Cau zieht für sich das Fazit: Un artiste sans mots, qui comme Dieu fabrique de l'homme avec de l'argile, m'avait révelé que j'étais libre de décider de la beauté. Soll man sich diesem Fazit aus einer besonders entscheidungs- und setzungsfrohen Zeit anschließen? Le donne belle sembrano sempre dapprima intelligenti. Un bel colore o una bella linea sono infatti l'espressione della intelligenza più assoluta. Während Giacometti Schönheit dort findet, wo sie niemand vermutet hätte, sucht Italo Svevo die Schönheit an einem als gesichert geltenden Ort auf, der Frauenschönheit. Wenn man, rückblickend von Svevo auf Giacometti, vermuten möchte, es sei Sartres unbestreitbare Intelligenz gewesen, die in den Augen des Malers Schönheit erschienen auftauchen ließ, so scheint bei Svevo umgekehrt Schönheit als das die Intelligenz erzeugende Moment. Zwischen Schönheit und Intelligenz bestünde jedenfalls ein unmittelbarer Zusammenhang unter Umgehung der Verstandeskraft. In Kreise der als intelligent bis zum Kopfschütteln angesehenen Mathematiker gelten Schönheit und Eleganz der Herleitung eines Beweises als Wahrheitsindiz, Klobigkeit begründet Vorbehalte. Den Zusammenhang zwischen mathematischer Schönheit und mathematischer Wahrheit können sie nicht erklären.

People spoke of him as the modern Henry James but he wasn't really. There were the long complicated sentences but with James I always thought they obscured the truth. With him they illuminated it. Mancher, der bei der Lektüre von Henry James das eine oder andere Mal schon für längere Zeit gegen das Geheimnis der Syntax angerannt ist und die Verdunklung gleichsam an vorderster Satzfront erlebt hat, mag für einen Augenblick meinen, mit seinem erlösenden Antipoden sei Sebald gemeint, es handelt sich aber nur um einen fiktiven Autor in einem Roman von P.D. James. Sebald selbst nimmt Maß an der schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, die er bei Gottfried Keller erlebt. Der Argentinier Sergio Chejfec spricht aus, was als erstes gesagt werden muß, wenn man sich Sebalds Texten zuwendet: il ramène le lecteur à une position souvent perdue depuis longtemps: l'admiration et le pur plaisir esthétique*.

Auch in der Form reiner ästhetischer Freude kann Schönheit nicht isoliert, allein nur für sich auftreten, am allerwenigsten in der an die Worte und damit an den Sinn gebundenen Belletristik, schöne Literatur ist nicht denkbar, ohne daß Intelligenz aufscheint. Chejfecs Aufsatz beschäftigt sich des weiteren mit der Geschichte als Repräsentation und als Leid. Man kann sich an die Makrosemantik anlehnen, das Geschichtsverständnis, der Holocaust, oder an die Mikrosemantik, etwa die Geschichte des heiligen Georgs in Bildern erzählt. Bei der Makrosemantik besteht die Gefahr, daß sie das Buch zu verschlingen sucht - nicht wenige Kommentatoren sehen den Dichter in unmittelbarem Wettstreit mit diversen Historizitätstheoretikern -, aber das katastrophische und, beim Blick in die Zukunft dystopische Geschichtsbild des Dichters ändert nichts daran daß wir bei der Lektüre nie den Zustand der reinen Freude (pur plaisir) verlassen, Schillers Forderung, in der Kunst müsse die Form den Inhalt vertilgen, ist eingelöst. Schiller sagt nicht tilgen, sondern vertilgen, also nicht verschwinden lassen, sondern zur Stärkung der Schönheit in sich aufnehmen. Sebald bevorzugt die Metapher der Flugfähigkeit der Sätze, die sie bei aller mitzutragenden Inhalts- und Bedeutungslast nicht einbüßen dürfen.

Position souvent perdue depuis longtemps: die meisten Gegenwartsautoren sind Giacomettiautoren mit einer, sofern überhaupt vorhanden, verborgener Schönheit, Sebald ist einer der wenigen Svevoautoren, mit einer Schönheit, die offen in das Antlitz der Sätze geschrieben ist. Die Schönheit der Sätze färbt ab, le donne di Sebald sembrano sempre dapprima belle. Daß die beiden Mitreisenden im Zug nach Mailand, die Franziskanerschwester und das junge Mädchen, von vollendeter Schönheit sind, müßte uns gar nicht ausdrücklich gesagt werden, nicht weniger schön sind Adela Fitzpatrick, Marie de Verneuil oder Mme Landau. Die einzige, die wir im Bild zu Gesicht bekommen ist allerdings die philosophisch gestimmte Saaleschifferin mit türkischen Wurzeln, und bei der Würdigung ihrer Schönheit sind wir ein wenig auf Giacomettis Hilfe angewiesen.


*Kein Zugriff auf den originalen spanischen Text

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