Montag, 8. Dezember 2014

Doktor K.

Venator robustus

Kafka nennt seine Helden K. und Josef K., Roberto Calasso betitelt sein Werk über Kafka und seine Helden mit einem schlichten K., Sebald führt Kafka als Dr. K.; Doktor K.: Das Hinzufügen der akademischen Würde ist ein Fort- und Näherrücken zugleich, im bürgerlichen Leben eine Erhöhung, im Bereich der Kunst eher ein Spott. Wie überhaupt nähert man sich Kafka? Es gebe Dichter, so Canetti, allerdings nur wenige, die so ganz sie selbst sind, daß einem jede Äußerung über sie, die man sich herausnimmt, als Barbarei vorkommen möchte. Ein solcher Dichter sei Kafka gewesen; so müsse man sich, auf die Gefahr hin, unfrei zu erscheinen, so eng wie möglich an seine Äußerungen halten. Doktor K., das könnte den Anschein erwecken, als wolle man sich nicht dem Dichter, sondern dem Bürger nähern, aber war Kafka, wenn er ganz und gar er selbst war, nicht auch ganz und gar Literat, ja fast schon ganz und gar Literatur - meine Lebensweise, liest man im Tagebuch, ist nur auf das Schreiben hin ausgerichtet. War nicht auch sein bürgerliches Leben, sein Leben im Amt rückstandlos zu Literatur geworden. Joseph K. hat den Verdacht, daß, hätte er an dem Morgen nur sein Büro, seine Amtsstube in der Bank erreicht, die Verhaftung ausgeblieben und der Prozeß nicht angestrengt worden wäre. Prozeß und Schloß haben nach oben und unten endlos sich erstreckende Beamtenhierarchien zum Gegenstand, ab einer bestimmten Höhe, wie es sich gehört, mit Doktoren ähnlich dem Doktor K. besetzt.
Am Samstag, dem 6. September 1913, ist der Vicesekretär der Prager Arbeiterversicherungsanstalt, Dr. K., auf dem Weg nach Wien: anscheinend geht es um den Bürger und Versicherungsbeamten Kafka. Der Beginn von Dr. K.s Badereise nach Riva ist aber längst nicht die erste Begegnung mit Kafka in den Schwindel.Gefühlen. Schon Stendhal macht Mme Gherardi, seine vermutlich imaginäre Begleiterin auf einer vermutlich imaginären Reise an den Gardasee, auf einen schweren alten Kahn aufmerksam, von dem zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen gerade eine Bahre an Land trugen, auf dem unter einem großen blumengemusterten, ausgefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag. Zwar war der Jäger Gracchus zu diesem Zeitpunkt von Kafka noch nicht erfunden, aber darauf war er, der schon weit mehr als tausend Jahre auf seinem Schiff unterwegs ist, auch nicht angewiesen, jeder, der Augen hatte, konnte ihn entdecken. Vor vielen Jahren stürzte er im Schwarzwald vom Felsen, als er eine Gemse verfolgte, seither ist er tot. Sein Todeskahn aber verfehlte die Fahrt, eine falsche Drehung des Steuers, und befährt seither die irdischen Gewässer und nicht die, welche die Toten an ihr Ziel bringen.

Der Jäger Gracchus scheint weit entfernt von den Helden der großen Romane, Joseph K. und K., aber wurde Joseph K. nicht verhaftet, obwohl er nichts Böses getan hatte, und fragt Gracchus nicht immer wieder verzweifelt, ist das eine Schuld, ich war Jäger, lauerte auf, schoß, traf, zog das Fell ab, ist das eine Schuld? Der große Jäger vom Schwarzwald hieß ich. Ist das eine Schuld? Und der Bürgermeister von Riva bestätigt: Auch mir scheint keine Schuld darin zu liegen. Calasso schätzt die Lage allerdings anders ein. Sì, è una colpa. Anzi, è la colpa. Nachdem der Mensch seit ewigen Zeiten von unbesiegbaren Raubtieren gejagt wurde, hat er die Waffen erfunden und ist selbst zum Raubtier geworden. Die anderen Tiere haben dem Menschen diesen Wechsel nicht verziehen. Loro hanno continuato a essere fedelmente ciò che erano. Uccidevano e si facevano uccidere secondo le antiche regole. Soltanto l'uomo osava espandere il repertorio dei suoi gesti. Gracchus era l'ultima testimonianza di quel passaggio, l'ultima apparizione del cacciatore allo stato puro. Wie auch immer, offenbar zählt der rätselhafte Jäger, wie K. und Josef K., zu Kafkas engstem Personal. Auch Josef K., im Prozeß, ha percepito lucidamente, che il tribunale è il luogo dove la dea della Giustizia e la dea della Caccia si sovrappongono, fino a coincidere.
Bei Selysses' erster Italienreise läßt sich Kafka kaum blicken, umso mehr dann auf der zweiten. In der Bahnhofstoilette von Desenzano liest Selysses neben dem Spiegel ein Graffito: Il cacciatore, vielleicht hatte Kafka bereits hier eine erste Vision seiner Gracchusfigur, es wäre kein Wunder gewesen, wenn er, von Verona herüberkommend, ebenfalls an diesem Bahnhof ausgestiegen wäre. Selysses ergänzt die Inschrift: nella selva nera, offenkundig ein Fall literarischer Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Brüder Concourt oder des Autorenpaars Fruttero und Lucentini. Das behagliche Nachsinnen über den Graffito findet keine Fortsetzung bei der Aufdeckung der nächsten Kafkaspur. Im Grunde ist es keine Spur, sondern eine mißlungene Auferstehung, ein Zwillingspaar, die beiden nicht unterscheidbar voneinander und beide aufs Haar dem jungen Kafka ähnlich. Der Versuch, ein Beweisphoto von den beiden zu erhalten endet im Fiasko und mit dem Verdacht, ein zu seinem sogenannten Vergnügen Italien bereisender englischer Päderast zu sein. In Verona dann, vor der inzwischen geschlossenen Pizzeria, aus der heraus sieben Jahre zuvor seine Flucht begonnen hatte, taucht, wie schon damals, mit größter Deutlichkeit ein Bild vor ihm auf: Zwei Männer in schwarzen Röcken mit silbernen Knöpfen tragen aus einem Hinterhaus eine Bahre heraus, auf der unter einem blumengemusterten Tuch offensichtlich ein Mensch lag; es scheint, als habe Gracchus die Wasserwege verlassen. All'estero endet, anknüpfend an die Aufführung der Aida in der Arena zu Verona, mit einer Art Kafkas Todesstunde betreffenden Nachwort. Selysses war ein antiquarisches Exemplar des Verdiromans Franz Werfels in die Hände gefallen, das ursprünglich einem Hermann Samson gehört hatte, der Vorname der des Vaters, der Nachname ähnlich dem des Käfers. Selysses sieht vor sich die Szene, als Werfel dem daniederliegenden, zu diesem Zeitpunkt nurmehr 45 Kilo wiegenden Kafka das soeben erschienene Buch überreicht. Er wird es wahrscheinlich nicht mehr gelesen haben, vielleicht nicht der größte Verlust, den er verschmerzen mußte. Dr. K.s Badereise nach Riva wird zum Requiem.
Am Samstag, dem 6. September 1913, ist der Vicesekretär der Prager Arbeiterversicherungsanstalt, Dr. K., auf dem Weg nach Wien. 1913, ein besonderes Jahr, als die Zeit sich wendete, für Kafka aber weniger als für andere. 1912 war für ihn das entscheidende Jahr, er hatte Felice Bauer kennengelernt, und jetzt war er mehr oder weniger auf der Flucht vor ihr. Von Dr. K.s Badereise nach Riva finden wir bei Canetti eine geeignete Kurzfassung: Kafka verbrachte schlimme Tage in Wien. Der Kongreß und die vielen Menschen waren in seinem Zustand für ihn unerträglich. Er versuchte vergeblich, sich mit Hilfe einiger Tagebuchaufzeichnungen zu fassen, und er fuhr weiter nach Venedig. Es folgten die Tage in einem Sanatorium in Riva, wo er die Schweizerin kennenlernte. Bei Sebald werden daraus gut zwanzig Seiten, und sie sind nicht vertan. Wenn auf Selysses' Reise in Oberitalien Kafka sich sporadisch immer wieder blicken ließ, so begleitet er seinerseits Kafka jetzt beharrlich und gleichsam schützend. Das bedeutet nicht, sie würden in Gleichschritt verfallen. Kafka spricht aus seinem Tagebuch, Sebald spricht mit der Stimme des Selysses. Bei Kafka ist es immer wieder erstaunlich, was dem einzelnen Wort zugemutet wird und was es vermag, jedes Wort eine Reinigung, das Wort reckt sich, alles Welke und Verbrauchte fällt zu Boden und wird sich nie wieder erheben, die Sätze sind ruppig. Bei Sebald sind die Worte wohlversorgt und wohlbehütet im syntaktischen Fluß, und doch sind die beiden einvernehmlich unterwegs. Wie All'estero hat auch die Badereise eine Art Epilog, er wird von Canettis Kurzbericht nicht erfaßt. Im Verlauf des nächsten Jahres tauchen aus den Schatten, die beginnen, sich über die Tage in Riva zu legen, allmählich die Umrisse einer Barke auf mit unverständlich hohen Masten und finsteren faltigen Worten, Stendhals unheimliches Gesicht bestätigt sich nachträglich, es ist der Jäger Gracchus, der einfährt in den Hafen von Riva. Daß er beim Verfolgen einer Gemse ums Leben gekommen sei, hält Selysses für eine der eigenartigsten Falschmeldungen, die jemals erzählt worden ist. Daher kann er sich auch der Deutung seiner Schuld, die Calasso vertritt, nicht anschließen, obwohl er Gedanken dieser Art an anderer Stelle, bei der Schilderung des korsischen Jagdverhaltens und bei der Lektüre von Flauberts von Grund auf perverser Erzählung La Légende de saint Julien l'Hospitalier nahe kommt. Ungeklärt bleibe die Frage der Schuld des Jägers, da es aber Doktor K. gewesen ist, der die Geschichte ersonnen hat, kommt es ihm vor, als bestünde der Sinn der unablässigen Fahrten des Jägers in der Abbuße einer Sehnsucht nach Liebe, eine Auslegung, die, ähnlich den etwas undurchsichtigen Bemerkungen Kafkas selbst, verläßliche Klarheit nicht gewinnt und nicht gewinnen will. Richtig ist in jedem Fall, daß Gracchus in Riva erschien zu der Zeit, als Kafka in Liebeswirren auf der Flucht vor Felice Bauer hier die Schweizerin traf.
Der Jäger Gracchus ist mit dem Ende der Badereise nicht abgetan. Nachdem er in Riva und Verona sozusagen Land gewonnen hatte, schafft er es schließlich bis in die abgelegene Ortschaft W. im Allgäu. Als Kind hatte Selysses auf dem Dachboden der Mathild Seelos einen Jäger vermutet, der, ohne daß er es wußte, dem ebenfalls von Kafka erfundenen Jäger Hans Schlag aufs Haar und Wort ähnlich sah. Bald darauf trifft er im Engelwirt auf einen äußerlich wenig ähnlichen Jäger namens Hans Schlag, der wenig später nur außerhalb seines Reviers, auf der Tiroler Seite auf dem Grund eines Tobels liegend tot aufgefunden wird, eine Gemse war dabei nachweislich nicht im Spiel. Auf seinem Arm ist eine Barke eintätowiert. Es ist, als habe Gracchus unter falschem Namen seine begonnene Reise zu Land fortgesetzt, die Barke nurmehr ein Accessoire. Während über Tod und Untod des ursprünglichen Gracchus ein verwehtes Rätsel liegt, sind hier die Fragen handfester, war doch Schlags nächtlicher Umgang mit der Romana vorausgegangen, dem Schankmädchen, das sich in eine Reihe mit Kafkas Frauengestalten Frieda, Pepi oder Leni stellen läßt. In derselben Nacht noch hatte der einbeinige Engelwirt Sallaba die gesamte Einrichtung der Gaststätte zerstört, der Tod des Jägers Schlag ist damit ein suspicious death, niemand aber geht den Fragen nach und alle scheinen zufrieden, daß der Gracchus endlich seinen ordnungsgemäßen bürgerlichen Tod gefunden hat.

In den Schwindel.Gefühlen hat Gracchus einen, wie man es sehen will: Weggefährten, ein Double oder einen Konkurrenten, es ist der heilige Georg. Er kommt aus der gleichen mythischen Tiefe der Zeit, sein Metier als Drachentöter ist dem des Jägers eng verwandt. Auf Pisanellos Fresko in der Chiesa Sant' Anastasia macht er sich bereit, gegen den Drachen auszurücken, auf Pisanellos Bild in der Londoner Nationalgalerie liegt das Untier bereits tot zu seinen Füßen, er selbst ist mit einem Strohhut auf dem Kopf bereit für das bürgerliche Leben. Mit dem gleichen Strohhut in der Hand treffen wir ihn als den Hochseilartisten Giorgio Santini im Mailänder Konsulat in Gesellschaft seiner Frau, seiner drei Töchter und der Nonna. Die Integration in die moderne Welt ist gelungen. Für Gracchus sind die Ausgangsbedingungen weniger günstig. Als Georg gegen den Drachen zieht, ist er bereits tot und kann seinen Tod nicht finden. Der Tod ist seine Sehnsucht, seine Reinkarnation der Jäger Hans Schlag. Die Zeit, die Selysses als Kind am Schlitten des toten Jägers verbringt, wiederholt sich in der Zeit, die ihm im Konsulat schwerelos in der Gesellschaft der Artistenfamilie vergeht.

Calasso fragt sich, ob das Schloß eine vollständige Erklärung seiner selbst überleben könnte und antwortet: Probabilmente no. Was wäre, im gleichen Sinne, der Jäger Gracchus noch wert ohne sein Geheimnis, was wäre eine rückstandslos verständliche Literatur wert in einer Welt, der es so offenbar an Verständlichkeit fehlt. Der Vorwurf einer solchen Literatur wäre Kafka und Sebald am wenigsten zu machen. Selysses erweist sich als ein geeigneterer Begleiter Kafkas, als Max Brod es war, dem wir naturgemäß für die Sorge um das Werk seines Freundes gar nicht genug danken können.

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