Mittwoch, 5. November 2014

Schmetterlingsmann


Seite 27

Man liest den letzten Satz: Rosa, Lusia und Lea oder Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere. Dann schließt man das Buch und läßt das Gelesene noch einmal an sich vorüberziehen. Vier Schicksale, Selwyn, Bereyter, Adelwarth und Aurach, man hat unterwegs viele Länder besucht, England, Belgien, die Schweiz, die Vereinigten Staaten von Amerika, auch im Morgenland ist man gewesen; man ist Nabokow begegnet, wo war man ihm denn nur begegnet? Er ist schnell wieder aufgefunden, mit seinem Schmetterlingsnetz im Gebirge bedeckt er fast die gesamte Seite 27. Aber ist man ihm nicht irgendwo im Buch noch einmal begegnet, ist man ihm vielleicht in jeder der vier langen Erzählungen begegnet? Abgelichtet taucht er nicht noch einmal auf, die weitere Suche gestaltet sich daher ein wenig schwieriger. Sie habe, so Mme. Landau, damals in der Autobiographie Nabokows lesend, auf einer Parkbank in der Promenade des Cordeliers gesessen, und dort habe der Paul, nachdem er zweimal bereits an ihr vorübergegangen war, sie mit einer ans Extravagante grenzenden Höflichkeit auf diese ihre Lektüre hin angesprochen. - Als ich Adelwarth am letzten Tag seines Lebens auf seinem Zimmer besuchte, schaute er auf die jenseits des Parklands gelegene Moorwiese hinaus. Auf meine Frage, weshalb er nicht wie sonst zum vereinbarten Zeitpunkt sich eingefunden habe, erwiderte er: It must have slipped my mind whilst I was waiting for the butterfly man. - Die ebenso nahe wie unerreichbare Welt, habe mit solcher Macht ihn angezogen, daß er befürchtete, sich hineinstürzen zu müssen, wäre nicht auf einmal ein um die sechzig Jahre alter Mensch mit einem großen Schmetterlingsnetz aus weißer Gaze vor ihm gestanden und hätte in einem vornehmen Englisch gesagt, es sei jetzt an der Zeit, an den Abstieg zu denken, wenn man in Montreux noch zum Nachtmahl zurechtkommen wollte. Wenn er versuche, so Aurach, sich in die fragliche Zeit zurückzuversetzen, so sehe er sich in seinem Studium wieder bei der über nahezu ein Jahr sich hinziehenden schweren Arbeit an dem gesichtslosen Porträt Man with a Butterfly Net, das er für eines seiner verfehltesten Werke halte, weil es keinen auch nur annähernden Begriff gebe von der Seltsamkeit der Erscheinung, auf die es sich beziehe.
Bei der Suche nach Nabokow ist alles andere ein wenig in den Hintergrund gerückt, so daß sich am Ende fast schon die Frage stellt, ob er, Nabokow, nicht vor Selwyn, Bereyter, Adelwarth und Aurach der eigentliche Protagonist des Werkes ist, immerhin treten sie nur in jeweils einer Erzählung auf, er dagegen in allen vier. Die Frage aber hat kein Gewicht, denn bekanntlich ist ohnehin allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen. So kann es nicht schaden, wenn wir den Schmetterlingsmann zum Protagonisten erklären und für einen Augenblick nur ihn ins Auge fassen. Naturgemäß aber hält er sich auf ganz andere Weise im Werk auf als Selwyn, Bereyter, Adelwarth oder Aurach, seine literarische Existenz ähnelt der des Jägers Gracchus oder des heiligen Georg, geheime Protagonisten in den Schwindel.Gefühlen.

In Dr. Selwyn tritt Nabokow als der allseits namentlich bekannte Entomologe in Erscheinung. Dabei geht es gar nicht um ihn, sein Bild dient nur dazu, einen Eindruck vom Aussehen des ihm in Gestalt und Haltung ähnlichen Selwyn zu vermitteln. Erzählerisch dient es dazu, Nabokow in markanter Weise die Bühne betreten zu lassen. In Bereyter tritt er dann als der namentlich allseits bekannte Autor auf. Sein Erinnerungsbuch, das das Buch eines, wenn man so sagen darf, multiplen Auswanderers ist, wird zu einer Brücke nicht nur zwischen Bereyter und Mme. Landau, sondern zwischen allen Ausgewanderten des Buches. In Ambros Adelwarth ist er der namenlose, Adelwarth naturgemäß nicht bekannte Entomologe, der von der benachbarten Cornell Universität wohl öfters auf das Gelände des Sanatoriums herüberwandert. Welche Art der Verbundenheit empfindet Adelwarth mit dem Schmetterlingsmann, die ihn an seinem letzten Lebenstag zum ersten Mal nach all der langen Zeit den Behandlungstermin vergessen läßt? Auch für Aurach ist Nabokow, inzwischen im Palace-Hotel in Montreux ansässig, ein ihm nicht weiter bekannter Mann mit einem Schmetterlingsnetz, den er in den Schweizer Bergen trifft. Die Zusammenkunft ist dichter als im Falle Adelwarths, der nur vom Fenster aus nach dem Schmetterlingsmann schaut, auch Worte werden gewechselt, Worte, die deutlich machen, daß der Schmetterlingsmann eine Art Schutzpatron der Ausgewanderten ist, der sie vor Schlimmen behütet. Die Faszination seines Auftretens, die auch Aurach, nicht zuletzt wegen seines besonderen Gemütszustandes, sogleich spürt, verlängert dieser in das künstlerische Schaffen. Es muß nicht zutreffen, daß Man with a Butterfly Net, eines seiner verfehltesten Werke ist, dort, wo man seinem künstlerischen Ideal womöglich am nächsten gekommen ist, mag die trotz allem verbleibende Distanz am bittersten sein. Das Porträt ist gesichtslos, gibt also den Porträtierten nicht zu erkennen, seine Anonymität bleibt gewahrt. Inwieweit eine Ähnlichkeit zum Bild auf Seite 27 besteht, wird nicht verraten. Das Schmetterlingsnetz läßt sich über das gesamte Buch dehnen, und noch weitaus mehr ließe sich entwirren, als hier versucht.
Wohl kein Leser hat bei der ersten Lektüre der Ausgewanderten das Nabokowmotiv einem close reading unterzogen, wie es hier ansatzweise versucht wurde. Ein close reading des gesamten Textes der Ausgewanderten wäre nicht möglich, jedes sorgfältige Lesen von Einzelheiten läßt den Rest des Textes zurückweichen, verschiebt dessen Bedeutungen, durchaus im Sinne einer dekonstruktivistischen Differanz. Bei ihrer ersten Lektüre der Recherche hatten Deleuze und Girard, um nur diese zu nennen, wohl wenig von dem im Sinn, was sie später dann jeweils zu Papier gebracht haben, Deleuze in Proust et les signes, Girard in Mensogne romantique et vérité romanesque. Beide haben dann bei wiederholten Lektüren jeweils andere Stellen des Riesenwerkes eng gelesen, die verbleibenden Stellen zurückgeschoben. Daß sich ihre Ausführungen ergänzen, wäre schon zuviel gesagt, immerhin aber kommen sie sich kaum ins Gehege.

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