Samstag, 15. Dezember 2012

Panoramablicke

Nur zentimetergroß

Wenn wir dem Dichter gern folgen auf seinen Gängen und Reisen, so auch, weil er mehr sieht, als wir, alleingelassen, an seiner Stelle sehen würden. Er sieht mehr, anderes, und er sieht wiederum auch weniger. Er sieht nur wenige Menschen, es ist nicht ihm anzulasten. Ortschaften wie Terezín aber auch Großstädte wie Manchester sind, sobald er sich dort einfindet, so gut wie entvölkert. In Prag sehen die Menschen allesamt so krank und grau aus, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte Raucher, die Beschäftigung mit ihnen ist kaum noch lohnend. In Wien und auch in Venedig verwandeln die Menschen sich in andere, die längst schon tot sind wie der Florentiner Dichter Dante oder der Bayernkönig Ludwig. Menschen aus der Gruppe des Empfangs- und Servicepersonals sind überall in Europa und der Welt zumeist kleinwüchsig und gebeugt, so daß man sie hinter ihren Pulten nur schwer oder gar nicht entdecken kann. Wenn es heißt, Selysses seien bei seinem ersten Besuch in Brüssel im Dezember 1964 mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen als sonst in einem ganzen Jahr, kann einem nur schaudern vor dieser Stadt angesichts der großen Menge Verwachsener und Gebeugter, die er regelmäßig auch an anderen Orten sieht. Gleichsam im Vorübergehen entlarvt der Dichter die neuzeitliche Ideologie der gleichen Augenhöhe als Diskriminierung der Kleinwüchsigen und Niedergedrückten sowie andererseits auch der Hochgewachsenen, zu denen er selbst (einsvierundachtzig, Augenfarbe braun) zu zählen ist. Da ist es alles in allem keine Überraschung, wenn er den verpönten Blick von oben herab zwar nicht ausdrücklich sucht aber auch nicht scheut.
Die Technik des Panoramablicks vergegenwärtigt Selysses bei der Betrachtung eines Gemäldes des niederländischen Malers Ruisdael. Die gegen Haarlem sich hinziehende Ebene ist aus der Höhe herunter gesehen, von den Dünen aus, wie im allgemeinen behauptet wird, doch ist der Eindruck einer Schau aus der Vogelperspektive so stark, daß diese Seedünen ein richtiges Hügelland hätten sein müssen, wenn nicht gar ein kleines Gebirge. In Wahrheit ist van Ruisdael beim Malen natürlich nicht auf den Dünen gestanden, sondern auf einem künstlichen, ein Stück über der Welt imaginierten Punkt. Nur so konnte er alles zugleich sehen, den riesigen, zwei Drittel des Bildes einnehmenden Wolkenhimmel, die Stadt, die bis auf die alle Häuser überragende St. Bavokathedrale kaum mehr ist als eine Art Ausfransung des Horizonts, die dunklen Buschen und Gehölze, das Anwesen im Vordergrund und das lichte Feld, auf welchem die Bahnen der weißen Leinwand auf der Bleiche liegen und wo, soviel ich zählen konnte, sieben oder acht kaum einen halben Zentimeter große Figuren bei ihrer Arbeit sind. Nicht aus theoretischem Interesse allerdings ist Selysses vor Ruisdaels Bild getreten, sondern auf der Flucht, verstört von Rembrandts mit Menschen vollgepackten Prosekturbild, einem Bild voller fragwürdiger Perspektiven, falscher Blickrichtungen und dubioser Tätigkeiten. Er fühlte sich, ohne daß er genau gewußt hätte warum, von der Darstellung derart angegriffen, daß er bald eine Stunde brauchte, bis er sich vor Jacob van Ruisdaels Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern einigermaßen wieder beruhigte. Die in dem Landschaftsbild auf Ameisengröße reduzierte menschliche Population läßt sich verkraften.
Die Ringe des Saturn eröffnen mit einem Panoramablick, dem die Weite ebenso wie die Stille und der Frieden fehlen. Selysses selbst, der in einem Zustand gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital eingeliefert wurde, zählt, wenn auch nur befristet, zu den Verkrüppelten. Von seiner Bettstatt aus sieht er nichts als ein farbloses Stück Himmel im Rahmen des Fensters. Mühsam zieht er sich an der Fensterbrüstung empor und schaut aus dem Fenster, wie der arme Gregor, der mit zitternden Beinchen an die Sessel sich klammert, in undeutlicher Erinnerung an das Befreiende, das früher einmal darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen, sieht er auf die vertraute, ihm jetzt aber vollkommend fremd gewordene Stadt, die sich von den Vorhöfen des Spitals bis weit gegen den Horizont hin sich erstreckte. Wie von einer Klippe aus blickte er hinab auf ein steinernes Meer, aus dem wie riesige Findlingsblöcke die finsteren Massen der Parkhäuser herausragten. Passanten waren im näheren Umkreis keine zu sehen. - Unbewohnte Leere, indem er durch die Verwandlung in Kafkas Käfer seine Verkrüppelung ins Unermeßliche steigert, sieht er sich ausgeschlossen von den Menschen. Sie von sich fern zu halten, ist Ziel und Segen, von ihnen vergessen zu sein, Strafe und Fluch.

Wenn es ihm schien, aus dem Fenster des Krankenzimmers wie von einer Klippe aus hinabzublicken, so schaut er im weiteren Verlauf der Erzählung schon bald herab von der Höhe einer tatsächlichen Klippe. Vom Rand der Klippe richtete er Blick an den Zenit hinauf, ließ ihn herabgleiten an der Himmelskugel und zog ihn dann auf den unten sich befindenden schmalen Strand. Es war es ihm, als hätte er auf dem Uferstreifen etwas seltsam Fehlfarbenes sich bewegen sehen. Er kauerte sich nieder und blickte, erfüllt von plötzlicher Panik, hinab über den Rand. Es war ein Menschenpaar, das dort drunten lag, auf dem Grund der Grube, ein Mann ausgestreckt über dem Körper eines anderen Wesens, von dem nichts sichtbar war als die angewinkelten, nach außen gekehrten Beine. Ein Menschenpaar beim Fruchtbarkeitstreiben ist ein Detail, das Selysses in seinem Panoramabild am wenigsten benötigt, und so wird es umgehend einer radikalen, den Anblick der Prokreation in ein Todes- und Endlichkeitsbild verwandelnden Metamorphose unterzogen. Ungestalt gleich einer großen, ans Land geworfenen Molluske lagen sie da, scheinbar ein Leib, ein von weit draußen hereingetriebenes, vielgliedriges, doppelköpfiges Seeungeheuer, letztes Exemplar einer monströsen Art, das mit flach aus den Nüstern entströmendem Atem seinem Ende entgegen dämmerte.

In Mailand steigt Selysses auf die oberste Galerie des Doms hinauf. Im Westen stand eine ungeheure Wolkenwand, ein starker Wind erhob sich und er mußte sich einhalten, um hinabzuschauen zu können, wo die Menschen sich in seltsamer Neigung über die Piazza bewegten. Ihm, der sich, seit er den Dom betreten hatte, buchstäblich selbst nicht mehr kannte, kam der rettende Gedanke, daß es sich bei den dort unten über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen. Bald aber werden die Eilenden vor dem drohenden Wolkenbruch entflohen sein, und wenn wir nur noch einen Augenblick ausharren, werden wir den Platz und die Stadt menschenleer unter uns liegen sehen.

In Paris sieht Austerlitz vom 18. Stock des Südostturms der neuen Nationalbibliothek aus eine im Laufe der Jahrtausende aus dem jetzt völlig ausgehöhlten Untergrund herausgewachsene Stadtagglomeration, ein fahles Kalksteingebilde, eine Art von Exkreszenz, die mit ihren konzentrisch bis an die im Dunst hinausreicht bis an die im Dunst jenseits der Vorstädte verschwimmende äußerste Peripherie. Ein paar Meilen ostwärts ragt eine Art Kegelstumpf hervor, vermutlich der Affenfels im Bois de Vincennes. Während die Affen immerhin erahnbar sind, bleiben die Menschen in ihren ihrerseits in Tiere verwandelten Artefakten verborgen: mehr in der Nähe sah man verschlungene Verkehrswege, auf denen Eisenbahnzüge und Automobile hin- und herkrochen wie schwarze Käfer oder Raupen.

In vielem ähnlich, wenn auch in den Einzelheiten verschieden, ist der Blick auf Manchester. Im Jahr nach der Entlassung aus der Armee, hatte Aurach sich während eines Spaziergangs einen Blick auf die Stadt aus der Vogelperspektive verschafft. Die letzten Sonnenstrahlen waren eingefallen und hatten eine Zeitlang das Panorama wie in einem einzigen Feuerschein aufleuchten lassen. Erst als der erlosch, wurden die ineinander gestaffelten und verschobenen Häuserzeilen sichtbar, die Spinnereien und Färbereien, dis Gaskessel, Chemiewerke und Fabrikationsanlagen jeder Art. Das eindrucksvollste aber die überall aus der Ebene und dem flachen Häusergewirr herausragenden Schlote, die heute nahezu ausnahmslos niedergelegt oder außer Betrieb sind. Damals aber rauchten sie noch zu Tausenden, bei Tag sowohl als in der Nacht. Wenn keine Menschen zu sehen sind, so ist das nicht auf eine zu große Entfernung zurückzuführen, denn klar erkennbar, wenn auch schattengleich, ist noch eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang ein Rudel von Hirschen, Tiere, die mit den Menschen die gleiche Größenkategorie teilen, auf dem Weg in die Nacht.
Obwohl sich die Schwindel.Gefühle als das Buch der Alpen lesen lassen nutzt Selysses die Möglichkeiten des Fernblicks kaum, er überquert das Gebirge zumeist nachts und in aller Eile. Erst ganz zum Schluß ergibt sich ein Blick vom Fernpaß aus, der ihn für eine Weile befreit vom Anblick der als gräßlich empfundenen Tiroler Weiber, die mit ihm im Bus sitzen. Wir überquerten den Fernpaß. Geröllhalden griffen von den Bergen hinunter in die Wälder so wie Finger ins Haar und in Zeitlupenhaftigkeit stürzten Bäche über die Felswände hinab. Von einer Wegkehre aus erblickte man in der Tiefe die dunkeltürkisgrünen Flächen des Fernsteinsees, ein Inbegriff aller erdenklichen Schönheit.

Als Knabe hatte Aurach mit seinem Vater den Grammont in den Waliser Alpen bestiegen. Es war ein ungetrübter Tag und von droben sah man die Genfer Seelandschaft, reglos bis auf die wenigen auf dem tiefblauen Wasser drunten mit der unglaublichsten Langsamkeit ihre weiße Spur ziehenden winzigen Schiffchen und bis auf die am jenseitigen Ufer in gewissen Abständen hin- und herfahrenden Eisenbahnzüge. Ob Menschen in den Wasser- und Landfahrzeugen sitzen, ist nicht sicher.

Der Verdacht, die Menschen könnten fehlen und die Fahrzeuge, wie es ja tatsächlich immer üblicher wird, führerlos sein, erhärtet sich für Selysses beim Rückflug von Amsterdamer Flughafen Schiphol in seine englische Heimat. In geraden Linien und leichten Bögen verliefen die Auto- und Wasserstraßen und die Trassen der Eisenbahn zwischen den Weiden und Waldparzellen, Bassins und Reservoiren hindurch. Eingebettet in das ebenmäßige Gewebe, lag als Überrest aus früherer Zeit eine von Bauminseln umgebene Domäne. Ein Traktor kroch, wie nach einer Richtschnur, quer über einen bereits abgeernteten Acker - und wirklich sind die meisten landwirtschaftlichen Zugmaschinen inzwischen JPS-gesteuert -, nirgends aber sah man auch nur einen einzigen Menschen. Gleich ob man über Neufundland fliegt oder bei Einbruch der Nacht über das von Boston bis Philadelphia reichende Lichtergewimmel, es ist immer, als gäbe es keine Menschen, als gäbe es nur das, was sie geschaffen haben und worin sie sich verbergen. Beim Anflug auf die Insel Korsika, die wie ein unberührtes Reich der mineralischen Welt daliegt, scheint schon der Gedanke an menschliche Bewohner unangebracht. Bald tauchte die Insel vor uns auf, ein düsteres, noch von Nachtschatten umfangenes Gebirge. Wenig später aber waren wir, in der Höhe, in der wir uns befanden, umgeben von strahlendem Morgenlicht, und auch drunten auf dem Wasser wichen westwärts die Schatten zurück. Der Pegel des Lichts senkte sich nun auf die Steinwüsten oberhalb der Baumgrenze nieder. Es war, als würde auf der Morgenseite der Berge eine graue Stoffbahn eingeholt und Zoll für Zoll ein auf der glatten Fläche des Meers aufgebahrter Riesenkörper enthüllt oder doch die Überreste eines Felsenskeletts, eine Wirbelsäule, ein Schädeldach, eine Kinnlade, Schulterblätter und Rippen, bizarre Formen aus Quarz- und Feldspatgranit, die aufragten aus dem seit der Zeit des Tertiärs andauernd von ihnen abgefallenen Schutt.

Der Blick von oben herab auf eine menschenleere Landschaft kann zu Inbegriff aller erdenklichen Schönheit werden. Erstleser erleben Sebald als einen Dichter, der seine Gestalten – Austerlitz, die Ausgewanderten, Kafka und Stendhal in den Schwindel.Gefühlen, Conrad und Casement in den Ringen des Saturn, vor allem aber auch die einfachen Leute - mit äußerstem Einfühlungsvermögen und großer Zuneigung, ja mit Liebe begleitet. Die misanthropischen Züge, die nicht eigentlich thematisiert sind, sondern nur untergründig immer wieder motivisch anklingen, werden zunächst kaum wahrgenommen. Die in Wahrheit weitgehend surrealistische Gestaltung durchbohrt bei Sebald nie die Decke des realistischen Erzählvorgangs. In Prag war es halt ein sehr heller Tag, als Austerlitz anreist, in Terezín waren nun einmal keine Menschen zu sehen, ebensowenig in Manchester, das mag vorkommen. Den einmal aufmerksam gewordenen Leser kann es dann aber nicht wundern, wenn die Panoramablicke dazu dienen, die Menschheit noch weiter aus dem Bild zu befördern, als es dem Blick in der Ebene möglich ist.

Die beiden Facetten, die der Philanthropie im Sinne von Menschenfreundlichkeit und die der Misanthropie, sind nicht unverbunden, zahlreiche Wege führen hin und her, und auch im Inneren der Panoramablickszenen gibt es bemerkenswerte Eigenheiten und Unterschiede, den Unterschied vor allem zwischen dem einsamen Blick von oben herab und dem in Gemeinschaft. Vom achtzehnten Stockwerk schaut Austerlitz hinab in Begleitung und im Gespräch mit dem Bibliotheksangestellten Henri Lemoine, und die Eindrücke des Panoramablicks auf Manchester teilt Aurach mit Selysses. Als die Bezwinger des Grammont im Begriff stehen, sich in der Weite des Blicks zu verlieren, tritt der Dichter Nabokow mit seinem großen Schmetterlingsnetz aus weißer Gaze auf und rät ihnen, wieder abzusteigen ins Tal zu den Menschen, wie immer es um sie bestellt sein mag, um das Nachtmahl einzunehmen. In den Szenen, in denen Selysses allein an der Klippe steht, der des Spitals und der über dem Meer, spiegelt sich in der Verwandlung in Kafkas Käfer am Fenster oben und der des unfreiwillig unten am Strand Gesehenen in eine Molluske das Lächeln der Selbstverspottung, einer immer vorhandenen Ingredienz der Texte, die, nicht zuletzt, sicherstellt, daß der Leser sich keinen Augenblick als Teil einer vom Autor zurückgewiesenen, bestenfalls zentimetergroßen Menschheit empfindet, vielmehr sieht er sich voller Freundlichkeit aufgefordert, Selysses auf seinen Gängen zu begleiten und auch gemeinsam mit ihm herabzuschauen von den Klippen und Gipfeln auf das, was sich unten tut. Selysses ist nie allein, reist und wandert er ohne Begleitung, gesellt sich der Leser zu ihm, immer nur der jeweils eine, Du oder ich, wir wissen nichts voneinander. Die Zweiergruppe ist die von Sebald eindeutig bevorzugte Form der Menschenansammlung

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