Sonntag, 2. Dezember 2012

Das neunzehnte Jahrhundert

Frau Margret & Gracie

Sebald arbeitet nicht als Historiker, sondern als Dichter. Sein Held, Selysses, zieht durch die von ihrer Geschichte gestalteten und verwüsteten Länder Europas. Die vier Prosabücher nicht weniger als das Elementargedicht Nach der Natur sind in hohem Maße geschichtsträchtig, die jeweils erreichte Tiefe der Zeit ist unterschiedlich. Mit den beiden Protagonisten Grünewald und Steller ist das Elementargedicht besonders tief in die Vergangenheit gerichtet. Nicht auf den Haupterzählebenen, aber über Werke der bildenden Kunst, Giotto, Pisanello, Tiepolo, reichen die Schwindel.Gefühle gleich weit zurück. In den Ringen des Saturn markiert Rembrandts Prosekturbild die im Ansatz schon mißlingende Ablösung des Mittelalters durch die Moderne.

Auf den ersten Blick zumindest scheinen die beiden Reise- und Wanderbücher geschichtsschwerer zu sein als die beiden Lebensgeschichtenbücher, einer genaueren Betrachtung hält dieser Eindruck womöglich nicht stand. Die Schwindel.Gefühle bewegen sich untergründig in der Zeitspanne von 1813, als Beyle, der im vorhergehenden Winter den Napoleons Untergang einleitenden grauenhaften Rückzug aus Rußland mitgemacht hatte, sich in einer anhaltend elegischen Stimmung befand, und dem Jahre 1913, als die Zeit sich wendete, und wie eine Natter durchs Gras der Funken die Zündschnur entlanglief. Wenn wir die Frist von der Kaiserdämmerung bis zur blutigen Morgenröte des Weltkrieges als die des neunzehnten Jahrhunderts sehen, so wäre es eine einzige Nacht gewesen. The night of time far surpasseth the day, and who knows when was the AEquinox? Das ganze neunzehnte Jahrhundert ist der Boden, auf dem Selysses in unserer Zeit durch Oberitalien reist, um schließlich von Oberjoch aus auf dem Sebaldweg in seinen Geburtsort W. zu wandern. In den letzten Zeilen des Buches wird ein Blick auf das Jahr 2013 geworfen, dann ist Ende, das Ende des Buches, vielleicht das endgültige Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, vielleicht die Grenze für die Reichweite des prophetischen Blicks, vielleicht das Ende der Welt. Die vorausgehende napoleonische Zeit sehen wir durch die Augen der Napoleonverehrer Stendhal und Hilary. In den Korsikafragmenten hatte Sebald begonnen, das Bild des Kaisers mit zusätzlichen, der Verehrung nicht dienlichen Zügen auszustatten. Auf die Revolutionszeit fällt Licht in den Rousseau und Chateaubriand betreffenden Veduten.
Die Unterlegung des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem neunzehnten setzt sich in den weiteren Büchern fort. In den Ringen des Saturn wird die Gründung des europäischen Reichtums auf den Verbrechen des Kolonialismus, des englischen in China und mehr noch des belgischen im Kongo drastisch vor Augen geführt. Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeit und Sklavensystem. In manchen Regionen des Kongo wird die eingeborene Bevölkerung durch die erpreßte Arbeitsleistung bis auf geringe Reste dezimiert. Zwischen Geröllhalden sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit und Trägerkolonnen, die in langer Linie sich fortbewegen durch das unwegsame Terrain. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar als Strafe eines unnachsichtigen Gottes alttestamentarischen Zuschnitts, der, selbst handlungsschwach, dem Dichters das Wort überläßt, gibt es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Jedenfalls entsinnt sich Selysses genau, daß ihm bei seinem ersten Besuch in Brüssel im Dezember 1964 mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen sind als sonst in einem ganzen Jahr.

Für die ältere Zeit, deren Worte uns fremd geworden sind, läßt Sebald gern die Bilder der Maler sprechen, die Malerei des neunzehnten Jahrhunderts ist dagegen wenig vertreten. Turner bestreitet einen Abschnitt in Austerlitz, da ist es eine Koinzidenz, wenn Osterhammels immenses Buch über das neunzehnte Jahrhundert ein Eisenbahnbild Turners auf dem Umschlag hat. Nicht nur dem Westernfilm und Benjamin gilt der Eisenbahnbau als Inbild des neunzehnten Jahrhunderts. Selysses ist ein eifriger Nutzer der Bahn in unserer Zeit. Insbesondere Austerlitz ist von Gleisanlagen und Bahnhofsbauten geprägt, auch von anderen Monumentalbauten, in denen das späte neunzehnte Jahrhundert seine Apotheose, seinen Kulminationspunkt feierte und von hoch oben vielleicht schon der Funken die Zündschnur durchs Gras laufen sah, seinem Ende schon ins Auge blickte. Wieder ist Belgien, dessen Hauptstadt inzwischen die Hauptstadt Europas ist, ein bevorzugtes Erkundungsgelände. Jetzt aber sah ich, so Selysses, wie weit der unter dem Patronat des Königs Leopold II errichtete Bahnhofsbau über das bloß Zweckmäßige hinausreichte, und verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm zur Linken der Bahnhofsfassade seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht. Ringsum in der Eingangshalle sind auf halber Höhe steinerne Schildwerke mit Symbolen wie Korngarben, geflügelten Rädern und ähnlichem angebracht, wobei das heraldische Motiv des Bienenkorbs nicht, wie man zunächst meinen möchte, die dem Menschen dienstbar gemachte Natur versinnbildlicht, auch nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation, abgesichert in ihrem ungestörten Verlauf durch die Verwaltung sogenannten Rechts im Justizpalast in Brüssel, die größte Anhäufung von Steinquadern in ganz Europa. In diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude gibt es Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, und türlose Räume und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, und deren ummauerte Leere das Geheimnis aller sanktionierten Macht ist. Neben vielen anderem, das noch anzuführen wäre, sind es in den Schwindel.Gefühlen, in einer unerwarteten, durch die Verdioper Aida ermöglichten Wende ins Morgenländische der Suezkanal und das Kairoer Operhaus, in dem man sich zusammenfindet zur Feier des unaufhaltsamen Fortschritts, ehe das Gebäude dann, vor der Zeit, in Flammen aufgeht.
Das Signum des neunzehnten Jahrhunderts sieht Sebald, dabei kaum Originalität beanspruchend, in der Proliferation des Kapitals und in den irreparablen Schäden, die sie auslöst in der Natur, in der Gesellschaft und im Gefühlsleben der Menschen. Er überläßt die näheren Ausführungen aber weder einem Theoretiker noch einem Historiker, sondern dem Dichter Gottfried Keller an, in dessen Werk die Entwicklungslinien, die bis auf die heutige Zeit unser Leben bestimmen, so deutlich zutage träten wie nirgend sonst. Den Mitreisenden des Jahrhunderts schien es für eine Weile noch, als könne alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam. Hätte es gänzlich anders kommen können? Den jeweiligen Gegenwartszustand hat Luhmann mit den Worten beschrieben, alles könne ganz anders sein, und kaum etwas sei zu ändern.

Dem in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wie ein Lauffeuer um sich greifenden Hochkapitalismus hat Keller im Trödelladen ein Bild entgegengesetzt aus jener früheren Zeit, in der die Verhältnisse der Menschen zueinander noch nicht über das Geld geregelt wurden. Anders als das fortwährend umlaufende Kapital sind die hier verwahrten und verdämmernden Dinge aus dem Verkehr gezogen, haben ihren Warencharakter längst eingebüßt und sind gewissermaßen schon in die Ewigkeit eingegangen. Sebald hat das Trödelgeschäft als Antikos Bazar an den dunkelsten Ort in seinem Werk plaziert.
Beherrscherin und Seele des Trödelreichs ist bei Keller eine bejahrte, dicke Frau in altertümlicher Tracht. Frau Margret, die kaum etwas Gedrucktes zu lesen vermag, noch je das Rechnen mit arabischen Ziffern erlernt hat, führt ihre nicht existierenden Bücher auf einem Tischblatt mit einem Stückchen weicher Kreide und mit nicht mehr als vier verschiedenen römischen Ziffern, indem sie lange Postenketten aufstellt und vermittels komplizierter Transformationen große Summen kleinerer Ordnung in kleinere Summen größerer Ordnung verwandelt. Als wir dann noch erfahren, Frau Margret habe ihre Wohnung in eine Art Hostelrie für durchreisende Handelsmänner verwandelt, wird klar, daß wir sie in unserer Zeit als Gracie Irlam wiederfinden, in deren Absteige für sogenannte travelling gentlemen Selysses Unterkunft findet. Ihr gelingt die Verwandlung und Entschärfung des Geldes auf der Grundlage der märchenhaften englischen Währungsformen, indem sie mithilfe eines halb manuellen, halb rechnerischen Verfahrens zuerst über das Zwölfersystem die Pennies, Thre’Pennies und Sixpence pieces in Schillinge, die Zweischilling- und Halbwertkronenstücke über Zwanzigermengen in Pfundwerte umsetzte. Die drauffolgende Rückverwandlung der solchermaßen bestimmten Pfundsumme in Einheiten von einundzwanzig Schilling, also in sogenannte guineas, erwies sich zwar stets als der schwierigste Teil der Finanzoperation, war aber zugleich deren zweifellose Krönung. Gracie unterhält ihre Hostelrie in Manchester, der Paradestadt des neunzehnten Jahrhunderts, dem inzwischen auf den Hund gekommenen Kapital- und Industriejerusalem der oft ahnungslos so genannten guten alten Zeit.

Margret und Gracie sind durch mehr als ein Menschenalter getrennte und daher gut unterscheidbare Zwillingsschwestern, jede ein Kind ihres Jahrhunderts. Gracie ist die Gewitztere. Das für Margret tragende Motiv des Trödels ist bei Gracie auf die mit Candlewickdecken vollgestopfte Mahagonitruhe und, wenn man will, das electric miracle der teas-maid geschrumpft, die im neunzehnten Jahrhundert noch denkbare Idylle läßt sich nicht heil bewahren. Das hart verdiente Geld gerät durch die geheimnisvolle Verwandlung in Guineas nicht aus dem Umlauf. In ihrer Hostelrie beherbergt sie nicht nur die Gentlemen, sondern auch the gentlemen’s travelling female companions. Gracie Irlam hat in der zweiten Hälfte der langen Erzählung einen ebenso bedeutsamen wie unwahrscheinlichen Auftritt in einem Bild des Malers Aurach G.I. on her Blue Candlewick Cover. Von der anrüchigen Herberge in die Kunstzone: für einen Augenblick scheint sich eine weitere Frauengestalt einzufinden, Prousts Rachel, die sich von der Prostituierten zur gefeierten Bühnendiva wandelt. Wie es Gracie auf Aurachs Bild geschafft hat, erfahren wir im einzelnen nicht, nur soviel, daß sie jetzt, damit der Rachel noch um einiges näher, den Beruf einer Flügelhornistin ausübt.
Nicht zuletzt das Bild G.I. on her Blue Candlewick Cover begründet Aurachs unerwarteten und ungewünschter Ruhm in der sogenannten Kunstwelt. Die jetzt reichlich fließenden Geldmittel beeinflussen und verändern seine bisherige asketische Lebensweise nur in einem Punkt. Wie Nabokow verlegt er seine Wohnung in ein Hotel, indem er eine Suite im Midland mietet, mehr oder weniger nur noch die Ruine eines Luxushotels vom Ende des 19. Jahrhunderts. Aus den Wasserhähnen rieselt der Kalk, die Fensterscheiben sind mit einer dichten, vom Regen marmorierten Staubschicht überzogen, ganze Teile des Hauses sind abgesperrt, und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Betrieb eingestellt und das Midland verkauft und in ein Holiday Inn umgewandelt wird. Der Künstler richtet sich ein in den Trümmern des neunzehnten Jahrhunderts. Die Zukunftsprognose des Dichters hat sich mehr oder weniger erfüllt. Das Midland wurde 2004 von der Paramount Hotel Gruppe übernommen und für 12 Millionen Pfund renoviert. Es durfte allerdings die Fassade und den Namen des Midlands behalten.

Nicht nur die Frau Margret hat Sebald verwandelt in das zwanzigste Jahrhundert versetzt, sondern auch das, in seiner Sicht, tiefste Merkmal der Kellerschen Prosa, die, bedingungslos allem Lebendigen zugetan, ihre staunenswerten Höhepunkte gerade dort erreicht, wo sie an den Rändern der Ewigkeit entlang führt. Wer sich dahin bewegt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, der spürt immer wieder immer wieder mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten hinuntergeht, wie das Taglicht manchmal schon schwindet vor den von weit draußen heranziehenden Schatten und oft beinah erlischt unter dem Anhauch des Todes.
Sebald hat sich als Fortführer der Prosa des süddeutschen Sprachraums im neunzehnten Jahrhundert gesehen. Was er bei Keller erspürt, liegt, ihn selbst betreffend, für seine Leser plan auf der Hand. Die Bahn der Sätze ist breiter noch und kommoder, die Abgründe sind tiefer, das Taglicht ist heller, die Schatten sind dunkler und der Hauch des Todes ist ein böser Sturm. Modernität ist, von einem, dem man nicht gern widerspricht, auch schon so beschrieben worden: Das Alte ist gerade erprobt genug, um ein durchaus Neues zu bewältigen.

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