Montag, 8. Oktober 2012

Motten

Seelen in Bakelit

Eng verwandt, wie die Falter sind, gilt der Seidenvogel als Nutztier, die Motte hingegen als Schädling. Die Seidenraupe sorgt für unsere Kleidung, die Motte zerstört sie. Für die Tiere ist die Konsequenz in der Realität die gleiche, die der menschlichen Perspektive entstammenden Qualitäten Nutzen und Schaden muß das eine wie das andere mit dem Leben zu bezahlen. Das Tötungsgeschäft an den Seidenraupen ist im letzten Teil der Ringe des Saturn detailliert vorgeführt, die Motten aber werden in Austerlitz äußerst pfleglich behandelt, noch bis über ihren Tod hinaus. An drei markanten Stellen treten die Motten, mit abnehmender Ausführlichkeit aber mit eher zunehmender Bedeutsamkeit, ins Blickfeld. In der Summe entfällt in etwa ein Prozent der gesamten Erzählstrecke des Buches auf die Motte, das ist für ein so kleines Tier nicht wenig in einem Buch, das von so großen Dingen handelt. Dem immer bestehenden Auftrag ist Genüge getan, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist.
Als die Glühstrumpflampe aufgestellt und entzündet war, begannen die Nachtfalter wie aus dem Nichts heraus in ihrer überwältigenden Mannigfaltigkeit einzuschwärmen, Spanische Fahnen und Schwarze Ordenbänder, Messing- und Ypsiloneulen, Jungfernkinder und Alte Damen, um nur die bekanntesten zu nennen. Jedes dieser extravaganten Geschöpfe hat seine Eigenart, manche leben nur im Erlengrund, manche nur an heißen Steilhängen, auf mageren Triften oder im Moor. Allein die Raupen fressen, und das bis zur Bewußtlosigkeit, wohingegen die Falter zeit ihres kurzen Lebens gar nichts mehr zu sich nehmen und einzig darauf bedacht sind, das Fortpflanzungsgeschäft möglichst schleunig zuwege zu bringen. Einige tragen Halskragen und Umhänge wie vornehme Herren auf dem Weg in die Oper. Diese spaßhafte Vermenschlichung leitet über zur ernsten Frage nach dem Seelenleben der geringen Kreaturen. Bedenkt man das Leben und Sterben der Motten, so kann man ihnen nur die größte Ehrfurcht entgegenbringen. Wen sie sich in ein Haus verflogen haben und nicht mehr weiter wissen, so verharren sie reglos, bis der letzte Hauch aus ihnen gewichen ist, und bleiben, festgehalten durch ihre winzigen im Todeskrampf erstarrten Krallen, am Ort ihres Unglücks haften. - Die ausführliche Vorstellung der Motten im walisischen Abermaw enthält Naturkundliches, Beobachtetes und Spekulatives gleichermaßen. Mit dem Tod sind die Motten nicht am Ende ihres Erdendaseins angekommen.

In der Londoner Wohnung des Juden Austerlitz finden sich sieben verschieden geformte, nicht mehr als zwei bis drei Zoll hohe Bakelitdosen, von denen jede den sterblichen Rest einer in diesem Haus auf die geschilderte Weise an das Ende ihres Lebens gekommenen Motte enthielt, gewichtslose elfenbeinfarbene Wesen mit einem von Silberschuppen bedeckten Rumpf: eine bizarre und sonst kaum gebräuchliche Abwandlung der Menora. 
 
In der Austerlitz Wohnung befindet sich noch ein weiteres, um einiges größeres Bakelitgehäuse, das die Außenwand eines altertümlichen Radios darstellt. Mancher aus der Generation Sebalds hat nachgesonnen über die Beschriftung dieser Rundfunkempfänger, und unter Beromünster und Hilversum mag er sich weniger Ortschaften als riesige Sendeanlagen in unbewohnten und menschenleeren Gebieten vorgestellt haben oder weit draußen im Meer im Dienste der Seefahrer. Aus großer Ferne sprechen, kaum hörbar und in unverständlicher Sprache, Stimmen, die manchmal untergehen zwischen den Wellen und dann wieder auftauchen. Ab Anbruch der Dunkelheit durchschwärmen sie die Luft und führen, wie die Fledermäuse, ihr eigenes die Taghelle scheuendes Leben. Das ungeheuer empfindliche Gehör der Motten aber ist imstande, die Schreie der Fledermäuse über weite Entfernungen weg zu erkennen, also wohl auch die von den Radiowellen getragenen Stimmen. Ganz offenbar, wenn auch keineswegs in einer durchschaubaren Weise, gehören die Motten in den kleinen Bakelitkästchen und das Radio mit seinen Geisterstimmen in dem größeren Gehäuse zueinander. 
 
Aus dem Fenster der Wohnung aber sieht man hinter einer Ziegelmauer einen von Lindenbäumen und Fliederbüschen bewachsener Platz, auf dem man seit dem 18. Jahrhundert Mitglieder der aschkenasischen Gemeinde beigesetzt hatte, unter anderem den Rabbi David Tevele Schiff und den Rabbi Samuel Falk, den Baal Schem von London. Von diesem Platz, so ist zu vermuten, sind die Motten ins Haus geflogen. Diese Vermutung mag einen realen Hintergrund haben, wenn man annimmt, es gebe Mottenarten deren Raupen, anders als die auf mageren Triften oder im Sumpfgelände, sich auf das Vertilgen des Blattwerks von Lindenbäumen und Fliederbüschen spezialisiert haben. In den Vordergrund aber drängen sich mythologisch Vorstellungen von den Seelen, die als Schmetterlinge aus den toten Körpern ausfahren. Die Seelen der toten Juden, sieben an der Zahl, sind, so mag man denken, erst in den Bakelitsarkophagen zur endgültigen Ruhe gekommen.

Die drei Erwähnungen der Motten sind jeweils durch hundert und mehr Seiten von einander getrennt. Liest man sie im Zusammenhang, so ergibt sich eine eigene kleine Mottengeschichte. Das Beziehungsfeld aus Nachtfaltern, nächtlichen Radiotönen, Fledermäusen und Seelen ist ohne Zweifel vorhanden, gibt man ihm, es nachzeichnend, Kontur, wird es fast schon zerstört. Die Eigenständigkeit der Mottengeschichte löst sie nicht etwa aus den anderen Textbezügen, sondern intensiviert sie nur. Erst mit dem Auffliegen vom Friedhof der Juden sind die Motten den zentralen Themen des Buches endgültig verbunden.

Es ist also eine Erläuterung vom Ende her, ähnlich wie bei dem Artisten Giorgio Santini, der sich als Wiedergänger des San Giorgio erst offenbart, als dieser am Ende des Buches auf Pisanellos Bild den nämlichen außergewöhnlich schön gearbeiteten, weitkrempigen Strohhut auf dem Kopf trägt, den Santini viele Seiten zuvor im deutschen Konsulat zu Mailand in den Händen dreht. Erläuterung heißt freilich nicht, daß das Geheimnis sich klärte, es wird nur gerade erst sichtbar. Der Zauber der Prosa Sebalds beruht nicht zuletzt auf diesen Motiven, die wie unverbunden mitschweben und erst verspätet ihren Platz finden, ohne daß sich aber, ganz im Sinne der Quantentheorie, präzis sagen ließe, was dieser Platz ist.

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