Dienstag, 10. Juli 2012

Festivitäten

Dionysisches


Wenn in Westernfilmen amerikanische Langreiter von Texas her die Grenze zu Mexiko überqueren, treffen sie auf eine, ungeachtet der dort herrschenden bitteren Not, fortwährend festbereite und fiestaerprobte Bevölkerung. Der Griff zur Gitarre ist in dieser Gegend, so muß man glauben, nicht weniger schnell als der zum Revolver. Bedeutende Filme wie Viscontis Gattopardo oder Ciminos Deer Hunter haben als Zentrum eine ausgedehnte Festsequenz, einen Ball oder eine Hochzeit. Tolstoi hat Natascha Rostowa die Seligkeit der ersten Ballnacht gegönnt, bevor er sie dann in ernstere und nüchterne Bahnen lenkt. Dimitri Karamasow beschäftigt wiederholt und für nicht wenig Geld eine Zigeunerkapelle für sein Zusammensein mit Gruschenka. Sucht man, solchen Eindrücken nachhängend, in Sebalds Werk nach Festveranstaltungen, bleibt der Ertrag gering.
Die Erzählung Ambros Adelwarth eröffnet mit einer an die sechzig Personen umfassenden Familienfeier in der gesitteten Form einer großen Kaffeetafel, an der der Onkel Adelwarth sich schon bald erhebt und mit seinem Löffelchen an ein Glas klopft, um eine Kaffeetafelansprache zu halten. Weitere Einzelheiten des Festverlaufes erfahren wir nicht.

Das Bild des Jacquot Austerlitz auf dem Einband der Taschenbuchausgabe zeigt ihn in einem Pagenkostüm, in dem er seine Mutter Agáta auf einem Maskenball begleiten durfte und das eigens für diesen Anlaß geschneidert worden war. Näheres über den Verlauf des Maskenballs erfahren wir nicht. Als man ihm das Bild des Kinderkavaliers vorlegt, ist Austerlitz sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung fähig. Ach wenn er später an den fünfjährigen Pagen dachte, erfüllte ihn nur eine blinde Panik.

Lukas Seelos, der nun den ganzen Tag auf dem Sofa lag oder höchstens mit nutzlosen kleinen Arbeiten im Haus herum verbrachte, war es geradezu unbegreiflich geworden, daß er, der immer öfter von schweren Depressionen geplagt wurde, im Dorf seinerzeit den Hanswursten gemacht hatte, ja daß er jahrelang in der Fasnacht das Ehrenamt des Fasnachtskaspers innegehabt hatte. In der Rückschau auf diese glorreiche Zeit kam Bewegung in die gichtigen Hände des Lukas, wenn er vormachte, wie er die große Fasnachtsschere ausgefahren hatte oder wie er den Weibern mit der Pritsche von hinten her gerade dann unter den Rock gefahren war, wenn sie es sich am wenigsten versahen.

Weitere Festivitätsspuren im Werk bleiben unterhalb der Relevanzgrenze wissenschaftlicher Wahrnehmung, so daß die Feiertätigkeit alles in allem zu den Themen zu zählen ist, die im Werk Sebalds fehlen. Nach unserer Überzeugung ist der Ton eines Prosakunstwerks vom Fehlenden nicht weniger bestimmt als vom Enthaltenen. Angewiesen auf die klassische Unterscheidung von apollinisch und dionysisch wäre Sebald, angesichts des Umstandes, daß die Pritsche des Kaspers unter dem Rock der Weiber bereits zu den dionysischten Momenten seines Werks zählt, dem Lager Apolls zuzuschlagen. Auf Sprachhaltung und Satzgestaltung trifft das ohne weiteres zu, die häufigen Feuersbrünste und Vernichtungsvisionen bis hin zur Prophezeiung des Weltuntergangs passen weniger ins Bild. So leicht kommen wir nicht davon, die Unterscheidung scheint für den verhandelten Fall ungeeignet.

Der Protagonist eines Romans von Thomas Bernhard bezeichnet sich als Festivitätenhasser und kann dabei offenbar mit dem Verständnis des Autors rechnen. Ob auch Selysses zu den Festivitätenhassern zählt, steht nicht fest. Er äußert sich nicht zu der Frage, und wir haben nicht die Gelegenheit, ihn bei Festen zu beobachten. Zuhaus könnte er sich der Teilnahme an dem einem oder anderen Familienfest wohl nicht entziehen, zuhaus erleben wir ihn aber nicht. Seine Reisekasse hätte wohl kaum ausgereicht, um in Italien, den Beispiel Lord Byrons folgend, eine Villa zu mieten und Feste in ihr zu veranstalten. Der Blick auf die Selysses nahestehenden Ricchissimi im Werk legt überdies die Annahme, er hätte vorhandenen Reichtum zu diesem Zweck genutzt, nicht nahe. Wittgenstein schenkt sein Erbe weg und wandert mit dem Rucksack durch die Welt. Cosmo Solomon schlägt sämtliche Einladungen aus, um nie mit jemand anderem als Ambros Adelwarth auszugehen und zu speisen, und Le Strange schließ sich kategorisch von jeder Gesellschaft aus.
Gesellschaft aber ist das Medium und die unverzichtbare Voraussetzung für jede Festveranstaltung, von einem einsamen Fest kann nur als Paradox in Abgrenzung von dieser Regel gesprochen werden. Selysses tut sich schwer in Gesellschaft. Ins Gespräch kommt er in aller Regel nur mit Einzelnen, mit Salvatore in Verona über die Aida, mit William Hazel, Gärtner in Somerleyton, über den Luftkrieg oder mit Cornelis de Jong im Crown Hotel zu Middleton über den Zucker. Als er sich in Limone auf dem Weg zurück ins Hotel unversehens inmitten einer Menschenmasse buntfarbener Feriengäste findet, die sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts schiebt, sieht er nur lauter Lemurengesichter, die verbrannt und bemalt über den ineinander verschlungenen Leibern schwanken. Undenkbar, daß er an einem der Feste teilnehmen könnte, von dem sie kommen oder zu dem sie streben.

Zählten die Feste nicht zum Fehlenden, sondern zum Enthaltenen, müßte eine seriöse Untersuchung mit einer Typologie der Festlichkeiten beginnen, hier kann immerhin das Festspiel als besondere Gattung hervorgehoben werden. Zweimal, in Verona und in Bregenz, versäumt Selysses es, den Festspielort zu betreten. In Verona sind es die scharenweise aus den Reisebussen herausgelassenen Festspielbesucher, die ihn verstören, und in Bregenz muß er sich eingestehen, daß es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu mischen.

Auch die religiösen Feste fehlen so gut wie vollständig. Es wird nicht geheiratet, Kinder werden nicht geboren und getauft. Die großen Freudenfeste der Christenheit, Weihnacht, Ostern und Pfingsten, werden übergangen, nichts aber ist ihm in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Insbesondere aber berührte ihn alljährlich das Verspeisen der Seelenwecken, die der Mayrbeck einzig für diese Gedenktage machte, und zwar nicht mehr und nicht weniger als einen einzigen für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind. Aus Weißbrotteig waren diese Seelenwecken gebacken und so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Der Mehlstaub, der an seinen Fingern zurückgeblieben war, nachdem er seinen Seelenwecken aufgegessen hatte, ist ihm wie eine Offenbarung vorgekommen, und am Abend desselben Tags hat er noch lange in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste gegraben, um das dort verborgene Geheimnis zu ergründen. - Ein wahrhaft stilles Fest. Der Seelenwecken unterscheidet sich vielleicht in der Backsubstanz nicht allzu deutlich von der Madeleine, und der kleine Junge, der in der Mehlkiste das Geheimnis sucht, ist auf seine Weise ein frohes, in jedem Fall aber ein beglückendes Bild, immerhin sind wir eingeladen zum Geburtsfest des Dichters. La recherche du mystère dans une huche à farine, à l’ombre des morts.

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