Sonntag, 12. Februar 2012

Siderodromophobie

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Ich weiß nur, daß es mir ein Ding der Unmöglichkeit gewesen ist, in eines der öffentlichen Verkehrsmittel zu steigen und beispielsweise mit dem 41er Wagen einfach in das Stadtinnere oder mit dem 58er Wagen aus der Stadt herauszufahren, um, wie ich es früher nicht selten getan habe, spazierenzugehen in einem der Parks oder im Waldgelände. Man stelle sich vor, ich stünde auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, daß Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn, oder vor den Schaufenstern ruhn. Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig. Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weißer klemmaschiger Spitze, die linke Hand hält sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepreßt, schließt rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Härchen an der rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel. Ich frage mich: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich verwundert ist, daß sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt? Das Einkehren in Kaffeehäuser und Gastwirtschaften hingegen bereitete mir keine besonderen Schwierigkeiten, Ja, es verhalf mir jedesmal, wenn ich mich einigermaßen gestärkt und ausgerastet hatte, zu einem zeitweiligen Gefühl der Normalität. 
 

Keine Kommentare: